zauber
da ist gesang
stimmen die singen
ich höre lieder
in allen dingen
melodie um melodie
klang auf klang
dissonanz und harmonie
die mich durchdringen
ich lausche den stimmen
stiller poesie
lauschen ist sehen
es ist magie
ich höre mich singen
ich bin gesang
ich werde gesungen
ein leben lang
fügung
im wirbel tauber tage
traf ich dich
und drang in deine ahnung
wie der stein ins wasser
taucht und sinkt
bis in die tiefe
vergass die frühen wunden
was mein wesen
sanft umfangen
befreite
in deinem grund
erkannte ich mich
und dich die mich lehrte
das leben zu lieben
zuversichtlich
und alle wege seither
und alle umwege
die wir gehen
sind gleitende kreise
aus unserer mitte
gegenwart ist alles
gegenwart ist alles leben,
ob gealtert oder jung.
lassen wir uns darauf ein,
wird es zur bereicherung.
inspirierend ist das leben,
wenn es kühn in frage stellt,
was uns auf vertraute art
von dem möglichen abhält.
ein versäumnis ist das leben,
wenn es geist und dasein trennt.
es begeistert uns nur dann,
wenn es keine grenzen kennt.
mysterium
gänzlich dem sein ergeben,
werden leiden zu freuden:
ich verschwende mein leben,
um es nicht zu vergeuden.
rassismus
mein name ist gewöhnlich
deiner unaussprechlich
meine rede ist langweilig
deine unverständlich
mein wesen ist ängstlich
deines hinterhältig
mein charakter ist unpersönlich
deiner unausstehlich
mein gesicht ist traurig
deines hässlich
mein auftritt ist genierlich
deiner peinlich
meine frau ist zickig
deine niederträchtig
mein kind ist lästig
deines überflüssig
mein hund ist reinrassig
deiner räudig
mein wagen ist ansehnlich
deiner rostig
mein haus ist geräumig
deines dreckig
meine bank ist zuverlässig
deine bestechlich
mein gott ist unerschütterlich
deiner unversöhnlich
meine kultur ist vorzüglich
deine kränklich
mein volk ist großartig
deines minderwertig
meine politik ist redlich
deine gefährlich
meine armee ist nötig
deine feindlich
mein land ist mächtig
deines verächtlich
diktator
du trägst einen kalten stein in der brust.
um deine ziele zu verwirklichen,
sind dir alle mittel und wege recht.
was für ein traum, ein reich zu erschaffen!
du erfüllst eine mission — als retter
von mythen, traditionen und werten.
wer deine vision nicht teilt, ist ein feind,
der sich zu hüten hat vor deinem zorn.
wer öffentlich die wahrheit verteidigt,
verschwindet für jahrzehnte im lager
oder wird von agenten vergiftet,
erhängt, erschossen und heimlich verscharrt.
deine lakaien belohnst du reichlich
mit ausgesuchten privilegien.
stellen sie deine herrschaft in frage,
beschwichtigst du sie mit ämtern und macht.
du kennst die tatsachen und lügst sie um,
die propaganda verpestet das land.
schamlos bestiehlst du das einfache volk,
das sich duckt unter hieben und schlägen.
wie musst du dich hassen, diktator,
dass du den andern mit hass begegnest!
wie musst du den eignen wahnsinn fürchten,
dass du alle des wahnsinns bezichtigst!
du fühlst dich allseits bedroht und greifst an,
dem fremden angriff zuvorzukommen.
um vor der welt das gesicht zu wahren,
musst du siegen — oder untergehen.
noch bist du stark und verhöhnst deine zeit.
du führst krieg und schlachtest zivilisten.
du atmest den gestank ihrer leichen
im kreis deiner grausamen soldaten.
trifft du minister und generäle,
hockst du am einen ende des tisches
weit entfernt von deinen verbündeten,
die sich am anderen ende drängen.
hast du ihnen noch etwas zu sagen?
lauschen sie den langen monologen
oder fürchten sie deinen wahn so sehr,
dass sie zu allem willenlos schweigen?
deine hinterhältigkeit hält sie hin,
deine bosheit macht sie böse und weckt
das wilde, unstillbare verlangen,
das heer der unschuldigen zu rächen.
sie werden nicht zögern, diktator,
dich blutrünstigen mörder zu morden.
den hehren heldentod erwarte nicht,
nur einen hundsgemeinen meuchelmord!
verwandlung
wir sehen wogende weizenfelder,
blumenwiesen oder tannenwälder,
wo einst verfeindete heere standen
und soldaten sich im sterben wanden.
denn die erde sühnt das blutvergießen:
aus den menschen, die ihr leben ließen,
vermag sie wesen ins licht zu lenken,
die uns schönheit, brot und frieden schenken.
anders
alle dinge schweigen anders.
jeder stille ist es eigen,
das besondere des wesens
einer existenz zu zeigen.
unser schweigen ist nicht anders.
noch im tod beschwört es leise
die wahrhaftigkeit des lebens:
jeder schweigt auf seine weise.
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