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Jeder schweigt auf seine Weise

Jeder schweigt auf seine Weise

Die Poetik-Ecke XXXVI gibt Einblicke in Peter Fahrs neuen Gedichtband „Ich denke dich“.

zauber

da ist gesang
stimmen die singen
ich höre lieder
in allen dingen

melodie um melodie
klang auf klang
dissonanz und harmonie
die mich durchdringen

ich lausche den stimmen
stiller poesie
lauschen ist sehen
es ist magie

ich höre mich singen
ich bin gesang
ich werde gesungen
ein leben lang

fügung

im wirbel tauber tage
traf ich dich
und drang in deine ahnung
wie der stein ins wasser
taucht und sinkt

bis in die tiefe
vergass die frühen wunden
was mein wesen
sanft umfangen
befreite

in deinem grund
erkannte ich mich
und dich die mich lehrte
das leben zu lieben
zuversichtlich

und alle wege seither
und alle umwege
die wir gehen
sind gleitende kreise
aus unserer mitte

gegenwart ist alles

gegenwart ist alles leben,
ob gealtert oder jung.
lassen wir uns darauf ein,
wird es zur bereicherung.

inspirierend ist das leben,
wenn es kühn in frage stellt,
was uns auf vertraute art
von dem möglichen abhält.

ein versäumnis ist das leben,
wenn es geist und dasein trennt.
es begeistert uns nur dann,
wenn es keine grenzen kennt.

mysterium

gänzlich dem sein ergeben,
werden leiden zu freuden:
ich verschwende mein leben,
um es nicht zu vergeuden.

rassismus

mein name ist gewöhnlich
deiner unaussprechlich

meine rede ist langweilig
deine unverständlich

mein wesen ist ängstlich
deines hinterhältig

mein charakter ist unpersönlich
deiner unausstehlich

mein gesicht ist traurig
deines hässlich

mein auftritt ist genierlich
deiner peinlich

meine frau ist zickig
deine niederträchtig

mein kind ist lästig
deines überflüssig

mein hund ist reinrassig
deiner räudig

mein wagen ist ansehnlich
deiner rostig

mein haus ist geräumig
deines dreckig

meine bank ist zuverlässig
deine bestechlich

mein gott ist unerschütterlich
deiner unversöhnlich

meine kultur ist vorzüglich
deine kränklich

mein volk ist großartig
deines minderwertig

meine politik ist redlich
deine gefährlich

meine armee ist nötig
deine feindlich

mein land ist mächtig
deines verächtlich

diktator

du trägst einen kalten stein in der brust.
um deine ziele zu verwirklichen,
sind dir alle mittel und wege recht.
was für ein traum, ein reich zu erschaffen!

du erfüllst eine mission — als retter
von mythen, traditionen und werten.
wer deine vision nicht teilt, ist ein feind,
der sich zu hüten hat vor deinem zorn.

wer öffentlich die wahrheit verteidigt,
verschwindet für jahrzehnte im lager
oder wird von agenten vergiftet,
erhängt, erschossen und heimlich verscharrt.

deine lakaien belohnst du reichlich
mit ausgesuchten privilegien.
stellen sie deine herrschaft in frage,
beschwichtigst du sie mit ämtern und macht.

du kennst die tatsachen und lügst sie um,
die propaganda verpestet das land.
schamlos bestiehlst du das einfache volk,
das sich duckt unter hieben und schlägen.

wie musst du dich hassen, diktator,
dass du den andern mit hass begegnest!
wie musst du den eignen wahnsinn fürchten,
dass du alle des wahnsinns bezichtigst!

du fühlst dich allseits bedroht und greifst an,
dem fremden angriff zuvorzukommen.
um vor der welt das gesicht zu wahren,
musst du siegen — oder untergehen.

noch bist du stark und verhöhnst deine zeit.
du führst krieg und schlachtest zivilisten.
du atmest den gestank ihrer leichen
im kreis deiner grausamen soldaten.

trifft du minister und generäle,
hockst du am einen ende des tisches
weit entfernt von deinen verbündeten,
die sich am anderen ende drängen.

hast du ihnen noch etwas zu sagen?
lauschen sie den langen monologen
oder fürchten sie deinen wahn so sehr,
dass sie zu allem willenlos schweigen?

deine hinterhältigkeit hält sie hin,
deine bosheit macht sie böse und weckt
das wilde, unstillbare verlangen,
das heer der unschuldigen zu rächen.

sie werden nicht zögern, diktator,
dich blutrünstigen mörder zu morden.
den hehren heldentod erwarte nicht,
nur einen hundsgemeinen meuchelmord!

verwandlung

wir sehen wogende weizenfelder,
blumenwiesen oder tannenwälder,
wo einst verfeindete heere standen
und soldaten sich im sterben wanden.

denn die erde sühnt das blutvergießen:
aus den menschen, die ihr leben ließen,
vermag sie wesen ins licht zu lenken,
die uns schönheit, brot und frieden schenken.

anders

alle dinge schweigen anders.
jeder stille ist es eigen,
das besondere des wesens
einer existenz zu zeigen.

unser schweigen ist nicht anders.
noch im tod beschwört es leise
die wahrhaftigkeit des lebens:
jeder schweigt auf seine weise.



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