„Unter Präsident Trumps Führung glauben wir an ein sehr einfaches Prinzip: Es ist uns egal, wo Sie herkommen. Es ist uns egal, welche Hautfarbe Sie haben. Was für uns zählt, sind Leistung und Patriotismus.“
J.D. Vance fühlte sich bei einer Rede vor dem US Marine Corps ganz in seinem Element. Schließlich hatte er der „Eliteeinheit“ einmal selbst angehört. Jetzt, als Vizepräsident, gibt er den jungen Soldaten ein Versprechen ab:
„Wenn Sie beeindruckende und patriotische junge Marines sind, dann tun wir alles, was wir können, um aus Ihnen die tödlichste Kampftruppe zu machen, die die Welt jemals gesehen hat. Und das tun wir an jedem einzelnen Tag.“
Vance wendet sich in seiner Rede auch gegen eine Überbetonung woker Diversity-Regeln und schließt:
„Die wirkliche Stärke und die wirkliche Diversität im US Marine Corps ist, dass Sie auf alle möglichen Lebensläufe zurückblicken, aus jeder Ecke von Amerika kommen, und dass Sie die Stärke und die Absicht haben, die Kriege der Nation zu gewinnen.“
Die tödlichste Kampftruppe der Welt
Ergriffener Beifall brandete nach diesen Worten auf der Seite der uniformierten Stillsteher auf.
Hatten Sie jemals das Bedürfnis, tödlich zu sein? Oder gar — im Superlativ — zu der „tödlichsten“ Einheit zu gehören? Die angesprochenen Jungs offenbar schon. Totaler Krieg? Klar doch! Ohne schlimmste historische Vergleiche bemühen zu wollen, drängt sich doch der Eindruck auf: Je furchtbarer die Aussagen eines Einpeitschers sind, desto größer die Begeisterung derer, die ja selbst mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit zu den Opfern gehören werden.
Das Leben spricht eher leise und dezent zu uns, als wolle es sich vorsichtig an uns herantasten und nicht stören — wie der Anblick eines Buschwindröschens am Wegesrand in diesen Frühlingstagen. Der Tod dagegen brüllt dich an, plustert sich auf, scheint unerschütterlich selbstsicher, fordert Unterwerfung.
Der Gott des Gemetzels
Was ist das für eine furchtbare Dynamik, die die Völker immer wieder in ausufernde Gemetzel treibt — immer auf beiden Seiten mit dem Anspruch, im Recht zu sein, nur „zurückzuschießen“, etwas Gutes für „unser Land“ zu tun? Für die Sache des Todes scheinen Politiker zu einer Entschlossenheit fähig, die ihnen für alle anderen Zwecke fehlt. Für eine gewaltige Überdehnung der Budgets ohnehin, wie das von Schwarz, Rot und Grün in die Wege geleitete Schuldenpaket unlängst bewiesen hat.
Unsere Zukunft und die unserer Kinder — verbrannt und verspielt für Tötungsgerät. Für die Technologie des Zerbombens und Niederwalzens, für Kugeln und Granaten, Drohnen, Panzer und Haubitzen, die im besten Fall irgendwo in den Depots verrosten — als teures „Hobby“ einer Gesellschaft, die jeden moralischen Halt verloren hat. Die im schlechtesten Fall ihrem „eigentlichen“ Zweck dienen werden: menschliche Leiber zu zerfetzen, Gebäude in dampfendem Rauch dem Erdboden gleichzumachen, Leben auszulöschen, Seelen auf kaum mehr zu heilende Weise zu verwunden.
Große Teile der Deutschen sind bereits verhetzt und schreien nach Blut — fast immer „natürlich“ dem Blut der anderen. Je älter ein Deutscher ist, das sagt eine Statistik, desto größer seine Begeisterung für die Wehrpflicht. Von den 18- bis 29-Jährigen wollen nur 39 Prozent „dienen“. Von den 30- bis 44-Jährigen sind es schon 51 Prozent, von den 44- bis 59-Jährigen 57 Prozent. Vor Begeisterung gar nicht mehr einkriegen können sich die über 60-Jährigen mit 59 Prozent – Senioren, die vom Fernsehsessel und Treppenlift aus im Geiste Anfeuerungsrufe in Richtung ihrer Kinder und Enkel ausstoßen, welche auf den Kasernenhöfen gebrochen und zum Töten abgerichtet werden.
Schulzes letztes Aufgebot
Dabei sollten sich Hochbetagte meiner Altersgruppe nicht zu sehr in Sicherheit wähnen. Die bayerischen Grünen schlugen unlängst einen — Achtung! — „verpflichtenden Freiheitsdienst“ für alle Männer und Frauen zwischen 18 und 67 Jahren vor. Dieses Neusprech allein lässt mich erschauern. Die Wortkombination „Freiheitserzwingende Maßnahme“, die ich vor einigen Jahren kreiert hatte, war ja nur satirisch gemeint gewesen. Landesfraktionschefin Katharina Schulze und ihre Kampfgenossen meinen das jedoch ernst. „Damit wir als Gesellschaft robuster werden, unsere Freiheit verteidigen und das Miteinander stärken, braucht es uns alle“, sage Schulze.
Man muss zur Ehrenrettung der Befürworter erwähnen, dass sich gemäß ihrem Plan nicht jeder Freiheitspflichtige gleich auf den Tod auf dem Schlachtfeld vorbereiten muss. Neben dem Wehrdienst kann er sich auch noch für „Bevölkerungsschutz oder Gesellschaftsdienst“ anmelden. Also eine Art Kombination aus Wehr- und Ersatzdienst — nur unausweichlicher, gedacht auch für eine Altersgruppe, die man in den vielleicht kriegstüchtigsten Zeiten der deutschen Geschichte als „letztes Aufgebot“ bezeichnet hätte. Ich bin jetzt 61 und freue mich schon.
Allen möglichen „Verwendungszwecken“ für uns Bürger ist gemeinsam, dass sich politisch mäßig begabte Amtsinhaber zunehmend die Verfügungsgewalt über unsere Leben anmaßen. Wir sollen zahlen, dulden, rackern und bald vielleicht nicht mehr nur im übertragenen Sinn bluten.
Vertriebsmitarbeiter des Todes
Wenn es um die Vorbereitung von Tötungsvorgängen geht, sind auf den hohen Rängen, aber auch in vielen Bereichen unserer Gesellschaft, mittlerweile alle Hemmschwellen gefallen. Das Schuldenpaket für Infrastruktur ist astronomisch hoch, endet aber wenigstens vermutlich bei rund 500 Milliarden Euro. Nicht so die mögliche Verschuldung für Rüstung, für welche nicht einmal eine Obergrenze angegeben wurde. „Whatever it takes“, sagte Friedrich Merz, und darüber, was „nötig“ ist, werden nicht wir, die Zahlenden, bestimmen dürfen, sondern jene, die uns diese immensen Zahlungen anbefehlen, selbst aber finanziell alles in trockenen Tüchern haben.
Wie oft konnte man in den letzten Wochen hören, dass vernünftig wirkende Kommentatoren die Schulden für Infrastruktur anzweifelten, aber gleich dienstbeflissen anfügten, die Schulden für Rüstungen seien nun mal unvermeidlich. Für Panzer und Bomber — ja, für Brücken, Züge und Schulen — nein. So weit ist das Land, was seine Werte-Prioritäten betrifft, schon heruntergekommen. Die Rüstungsindustrie hat — wie seinerzeit auch die Impfindustrie — ein Heer von Tausenden ehrenamtlichen Vertriebsmitarbeitern in ihren Reihen. Leute, die landauf, landab, an jedem Stammtisch, in jeder Familienrunde, in jedem Betrieb für das Sterben werben – und dafür, unsere Zukunft kaputt zu rüsten.
Tödlicher Erwachsenwerdungsprozess
Als Deutschlands oberster Kompaniefeldwebel fungiert selbstredend Boris Pistorius. Er möchte die Nation am liebsten nicht nur geschlossen strammstehen, sondern auch für die Kugeln bezahlen lassen, die sich in feindliche — speziell: in russische — Körper bohren und alle Lebenslichter auslöschen werden. Der joviale, in der Sache aber knallharte People Pleaser gilt nicht zu Unrecht als Idealbesetzung für das Amt des Verteidigungsministers. Bei der Bundestagsrede anlässlich der Entschließung zum Schuldenpaket am 18. März 2025 sagte Pistorius:
„Wir Europäer müssen erwachsen werden. Wir müssen Verantwortung übernehmen“ — exakt mit diesem Argument hatte man schon junge Leute in den sinnlosen und verlustreichen Einsatz nach Afghanistan geschickt. So als sei es das Merkmal eines kindlichen Gemüts, nicht oder wenig Krieg zu führen, wie es die Bundesrepublik Deutschland zum Glück über Jahrzehnte getan hatte. „Für unsere eigene Verteidigung, für die Menschen auf unserem Kontinent und für unser Bündnis“ fordert Pistorius die Übernahme von Verantwortung, womit die Dringlichkeit des Anliegens noch einmal unterstrichen wird — denn wer möchte schon in schnödem Defätismus einen ganzen Kontinent im Stich lassen? Und die Zeit drängt. Denn: „Die heutige Abstimmung duldet deshalb auch keinen Aufschub.“
Zinsknechtschaft für die Hochrüstung
Was Pistorius damit wirklich meinte: Die Abstimmung über die Zinsknechtschaft für Hochrüstung sollte noch in jenem Bundestag durchgeführt werden, dessen Zusammensetzung den Kriegsfreunden besser passt — nicht mit dem, den die Deutschen gerade gewählt hatten. Die Konstituierende Sitzung des neuen Bundestags erfolgte ja dann schon wenige Tage später.
Die Brandenburger spähen bis heute angstvoll, aber vergebens aus ihren Fenstern und harren der angekündigten russischen Panzerkolonnen. Die Angstmache in den Medien nimmt an Fahrt auf und hat sich von der Realität völlig abgekoppelt.
Selbst wer die Hochrüstung für notwendig hält, wird keineswegs behaupten können, sie hätte nicht noch ein paar Tage warten können.
Aber, so Pistorius:
„Wer heute zaudert, wer sich heute nicht traut, wer meint, wir könnten uns diese Debatte noch über Monate leisten, der verleugnet die Realität. Sie und ich wissen: Wir dürfen keine Zeit verlieren.“
Dem Abgeordneten Christian Dürr (FDP), der zur Besonnenheit mahnte, rief er entgegen:
„Wir verkaufen nicht die Zukunft, wie Sie in Ihrem religiösen Eifer für die Schuldenbremse glauben machen wollen. Wir sichern die Zukunft für dieses Land.“
Wobei der Hinweis auf den „religiösen Eifer“ des Gegners einen interessanten Fall von Schattenprojektion darstellt. Trotz der aktuellen Diskussionen über eine Waffenruhe, sei „die langfristige Sicherheit der Ukraine ungewiss“. Deshalb käme es letztlich auf die „Europäerinnen und Europäer“ an. Man müsse die Ukraine „langfristig unterstützen, auch über das Ende eines Krieges hinaus“.
Der deutsche Steuerzahler sollte also aus dem künftigen Nicht-Vorhandensein eines Krieges nicht den voreiligen Schluss ziehen, die von ihm erpressten Steuergelder flössen nicht auch künftig zum großen Teil in Rüstung: in die Verteidigung der 16 alten Bundesländer wie auch unseres neuen Bundeslandes, der Ukraine.
Sind die Deutschen Rüstungsmuffel?
Die Deutschen, so Pistorius, müssten bei diesem Projekt „eine zentrale Rolle übernehmen (…). Das bedeutet: mehr Truppen, mehr Ausrüstung, schnellere Einsatzbereitschaft. Kurz gesagt: Der Finanzbedarf dafür wird massiv steigen“. Wobei die Annahme, Deutschland müsse mehr „leisten“ als alle anderen europäischen Länder, als allgemein bekannt vorausgesetzt und deshalb nicht näher begründet wurde.
Gern wird in derartiger Rhetorik der Eindruck erweckt, Deutschland habe vor dem großen Bewusstseinswandel, der sich an die Namen Pistorius und Scholz knüpft, „nichts“ für Verteidigung ausgegeben.
Tatsache ist:
„In den vergangenen Jahren ist der Verteidigungshaushalt schrittweise angestiegen. 2014 betrug der Soll-Etat noch 32,4 Milliarden Euro. 2017 erhöhte er sich bereits auf rund 37 Milliarden Euro. Im Jahr 2024 liegt er nunmehr bei 51,95 Milliarden Euro“ (Quelle: Bundesministerium der Verteidigung).
Statista gibt übrigens für 2024 sogar 66,8 Milliarden Dollar Rüstungsausgaben an. Angesichts beider Zahlen hätte man eigentlich sagen können: „Nun ist mal gut“ und 2025 etwas das Tempo drosseln können.
Deutschland steht auf der Liste der Staaten, die am meisten für Rüstung ausgeben auf Platz 7, auf der Liste der bevölkerungsreichsten Länder der Erde jedoch nur auf Platz 19. Deutschland gibt laut Statista mehr Geld für Rüstung aus als die Ukraine, Frankreich und Japan, deutlich mehr als Polen, Italien, Spanien, Kanada, Australien und Israel. Kann es sein, dass hierzulande die Rüstungsindustrie die Medien und die Parteien — einschließlich der AfD — einfach besser im Griff hat als anderswo? Kann es sein, dass nicht objektive Notwendigkeit und wirkliche Bedrohung die Militärausgaben bestimmen, sondern schlicht die Profitlust in den Chefetagen der Konzerne? So wie die Märchenfigur Rumpelstilzchen Stroh zu Gold spinnen konnte, wird unter den Händen der Rüstungshersteller Blut zu Geld.
Das „ziemlich nackte“ Deutschland
Es wird der Eindruck erweckt, dass ein Land wie Deutschland in der Lage sein müsste, Russland im Fall eines Hunnensturms aus dem Osten im Alleingang zu verteidigen. Das würde vermutlich schwierig werden. Russland liegt bei Statista immer noch bei 109 Milliarden Dollar Rüstungsausgaben, Deutschland „nur“ bei 66,8. Trotz seiner gewaltigen Größe und obwohl es im Krieg steht, gibt Russland also im Vergleich zu „uns“ nicht einmal das Doppelte für militärische Zwecke aus. Und — so könnte man Deutschland mit den Worten von Roy Black tröstend zurufen: „Du bist nicht allein“. Wozu haben wir das „Vereidigungsbündnis“ NATO, wenn jeder Staat aufrüstet, als stünde er völlig isoliert da?
Natürlich: Da Donald Trump und J.D. Vance jetzt die Bad Cops markieren, wird vielfach daran gezweifelt, ob sie uns mit ihren 916 (!) Milliarden Dollar Rüstungsausgaben überhaupt gegen den Feind beistehen würden. Wenn es so käme, müsste sich die EU dem Bösen mit Gerät in der Größenordnung von nur 326 Milliarden Euro für 2024 im Vergleich zu den russischen 109 Milliarden entgegenstemmen. Diese astronomischen Rüstungsausgaben fasste der CSU-Europapolitiker Manfred Weber mit den Worten zusammen:
„Europa steht militärisch allein in einer Welt von Stürmen. Leider Gottes sind wir dabei auch noch ziemlich nackt.“
Pflugscharen zu Schwertern
Also muss man den bedauernswerten Kontinent olivgrün ankleiden. So forderte Weber auch eine Umstellung des Landes auf Kriegswirtschaft. Laut Rheinische Post meinte Weber damit „beschleunigte Genehmigungsverfahren bei Rüstungsgütern und mehr Zusammenarbeit zwischen den europäischen Rüstungsherstellern“. Kriegswirtschaft könne aber auch bedeuten, „dass die Rüstungshersteller künftig am Wochenende im Schichtsystem arbeiten und Unternehmen, die bisher Industriegüter für zivile Zwecke hergestellt haben, künftig Waffen produzieren werden“. Konkret könnten schon bald Panzer gebaut werden, wo bisher Autos vom Band liefen.
Pflugscharen zu Schwertern könnte man diese Absicht auch zusammenfassen. Dann wäre der Tod wieder ein „Meister aus Deutschland“, wie es Paul Celan in seinem Gedicht „Todesfuge“ von 1944/45 suggestiv beschrieb.
Möglichst noch am Wochenende und im Schichtdienst sollen Malocher, die bisher Familienkutschen gebaut haben, jetzt Panzer für die Ostfront zusammenschrauben. Als gäbe es nicht andere gesellschaftliche Bereiche — etwa das Gesundheitswesen —, die dringend mehr Geld sowie mehr Personal bräuchten? Branchen, die Leben retten, die helfen und heilen können vor dem Hintergrund des herrschenden Zeitgeists nicht mit jenen konkurrieren, die töten und zerstören.
Das Gesundheitswesen — fit für den Ansturm der Schwerverletzen?
Auch das Gesundheitswesen muss sich selbstverständlich militärischen Zwecken unterordnen. So sagte René Burfeindt vom Deutschen Roten Kreuz gegenüber dem Münchner Merkur:
„Für einen ausgeweiteten bewaffneten Konflikt sind wir nicht ausreichend aufgestellt.“
Mit anderen Worten: Es müssen Kriegslazarette errichtet und entsprechendes Personal ausgebildet werden, das unter anderem seine Amputationstechniken perfektionieren müsste. Es wird eine Schwemme schwerverletzter Soldaten geben — und das in einem Gesundheitssystem, das schon jetzt nur noch mehr schlecht als recht funktioniert.
Ist überhaupt das Netzwerk psychologischer Betreuungsangebote für Traumatisierte bereits kriegstüchtig? Und ist die deutsche Begräbnisindustrie auf derart viele Leichen vorbereitet?
Gibt es genügend Särge und großflächige Deutschland-Fahnen, die bei der Rückführung toter Soldaten in die Heimat über diese gebreitet werden könnten? Haben deutsche Politiker die Phrasen schon einstudiert, mit denen sie bei den anstehenden Massenbegräbnissen über die neuen Helden schwadronieren werden, die für „unser Land“ und „unsere Demokratie“‘ gestorben sind?
Töten lernt man durch töten
Natürlich können Zahlen, die nur die Summe aller Rüstungsausgaben eines Landes beziffern, einen falschen Eindruck erwecken. Es könnte ja sein, dass wir viel Geld irgendwo reinstecken, ohne beim Töten wirklich effizient zu sein. Vielleicht fehlt es den verweichlichten Deutschen einfach nach Jahrzehnten der Erschlaffung an der nötigen Kampfmoral und an Übung. Die Sache mit der Übung könnte man allerdings nachholen. Es bräuchte schon deswegen einen neuen Krieg, damit das Praxisdefizit der Deutschen ausglichen werden kann. Ohne den Faktor „Learning by Doing“ gingen unsere Jungs und Mädels ja völlig unvorbereitet in alle weiteren Kriege.
Boris Pistorius beschwor in seiner Bundestagsrede erneut die „Zeitenwende“ – sodass man sich nicht wundern würde, wenn sich die Berechnung künftiger Jahreszahlen nach ihm anstatt nach Jesus Christus richtete. „Wir schreiben das Jahr 1 nach Pistorius.“ „Ich bin mir bewusst: Unser heutiger Vorschlag hat eine Tragweite, die weit hinausgeht über die bisherige Zeitenwende“, so seine Predigt im Bundestag. „Die Zeitenwende war der Wendepunkt hin zu einer neuen Epoche; denn vor der stehen wir jetzt.“ Wenn Politiker von neuen Epochen sprechen, die durch ihr segensreiches Wirken eingeläutet werden, können wir immer davon ausgehen, dass eine auf katastrophale Weise schlimmere Zeit auf uns zukommt.
Ungebremst in den Untergang
So rast Schuldendeutschland wie ein Auto, bei dem man die Bremsen ausgebaut hat, in Richtung Abgrund. Der Kriegsminister versuchte nicht einmal, seine wahren Absichten sorgfältig zu verschleiern.
„Damit schaffen wir mehr Flexibilität und mehr Planungssicherheit, die wir und auch die Rüstungsindustrie dringend brauchen. Unsere Sicherheit darf nicht durch haushaltspolitische Zwänge gefährdet werden. Wir müssen weg vom fiskalisch Machbaren hin zu verteidigungsbereiten Streitkräften, für das Hier und Jetzt und für morgen. Damit gilt zukünftig für unsere Sicherheitsvorsorge ein einfacher Satz: Bedrohungslage steht vor Kassenlage.“
Wer würde schon einen notwendigen Einkaufsbummel mit der fadenscheinigen Begründung unterlassen, dass dafür kein Geld da ist? Nicht der Wunsch der Menschen nach Frieden und Wohlstand zählt also, sondern die „Planungssicherheit“ für die Rüstungsindustrie. Die wollen ja in den nächsten Jahren nicht nur wahrscheinlich, sondern mit planbarer Gewissheit Rekordgewinne einfahren. Selbst das Kriterium der „Machbarkeit“, das politische Entscheidungen normalerweise unweigerlich an das Realitätsprinzip bindet, wird über den Haufen geworfen. Bezahlbar? Unbezahlbar? Vernachlässigbar!
„Wenn ich Putin wäre …“
Sigmar Gabriel, Vorsitzender der Atlantikbrücke und Alt-SPD-Vorsitzender, sprach am 15. März 2025 die visionären Worte:
„Wie ich gehört habe, ist die Europäische Union der Meinung, im Jahre 2030 drohe ein kriegerischer Konflikt mit Russland, und deshalb wolle man sich darauf vorbereiten. Ich weiß nicht, warum wir solche Debatten führen. Ich finde es ja richtig, dass wir das machen. Aber wenn ich Putin wäre, würde ich schon 2028 kommen.“
Wie gut, dass er nicht Putin ist.
Die etablierte politische Landschaft ist nicht nur verliebt in Sprengstoff, die Anzahl ihrer martialischen Ergüsse würde den Rahmen dieses Artikels bei weitem sprengen.
Bei allem, was mit Zerstören, Verstümmeln und Töten zusammenhängt, tritt in die Augen unserer Politiker nicht selten ein einfältiger Glanz — nicht unähnlich der Ausstrahlung von Kindern, die das, was sie sich schon so lange gewünscht haben, unversehens unter dem Weihnachtsbaum vorfinden.
Gegen eine „Kultur der Zögerlichkeit“
Friedrich Merz etwa will die deutschen Lehranstalten künftig gänzlich den Werbeträgern des Sterbens ausliefern. Er forderte, die Bundeswehr brauche „ungehinderten Zugang zu Schulen“. Und er klagte mit Blick auf die Universitäten, dass „Militärklauseln“ bisher noch die militärische Forschung verhindert hätten. Das sei nicht mehr zeitgemäß, so Friedrich Merz. Die Hochschulen sollen sich demnach — wie alle anderen Bereiche der Gesellschaft — mit einer dienenden Rolle mit Blick auf die Wehrertüchtigung begnügen. Nicht „Alles für Deutschland“, wie es Björn Höcke gesagt hatte, aber „Alles für das Militär“.
CDU-„Wehrexperte“ Roderich Kiesewetter stieß in der Welt angesichts der bisher mangelnden Kriegsbegeisterung der Deutschen Klagelaute aus:
„Wir haben eher eine Kultur der Zögerlichkeit, aber nicht des Engagements, des Mitmachens, der Anstrengungskultur. Und eine sicherheitsstrategische Kultur, die wir brauchen, muss sich auch auf eine leistungsfähige Bundeswehr, die voll finanziert ist, abstützen.“
Wieder wird hier auch das Narrativ bemüht, junge Menschen könnten beim Militär lernen, sich anzustrengen und in die Gesellschaft einzubringen — als ginge das in der Arbeit mit Behinderten, in der Tierpflege oder in einem Blumenladen nicht.
Sterben für Friedrich, Lars und Boris
Der Moderator der hier zitierten Sendung bei Welt TV träufelte indes einen Wermutstropfen in den berauschenden Wein der Kriegsbegeisterung. Die Bewerberzahlen bei der Bundeswehr seien rückläufig — und das trotz Jahre der Imagepflege der Art „Du bringst eine Armee von A nach B. Weil du es kannst“. Vielleicht liegt es ja auch daran, dass Bundeswehr mittlerweile nicht nur — wie üblich — demütigend ist, sondern angesichts des Kriegsgeklirrs deutscher Staatenlenker zudem lebensgefährlich. „Von A nach B“ geht man nicht so gern, wenn am Ort „B“ der Tod wartet. Sterben für Friedrich, Lars und Boris — viele Jugendliche sagen da: „Kein Bock!“
Da muss die Begeisterung für die Truppe schon inszeniert werden, wie im Fall eines Vorzeigejünglings, der im Interview sagte: „Ich denk, die Bundeswehr ist ein guter Arbeitgeber. Ich denk, die können da Werbung für machen.“ Gemeint war: in der Schule. Vielleicht lässt sich mit Milliardensummen für Militärpropaganda auch wieder eine Kriegseuphorie erzeugen, wie sie Ernst Jünger 2020 in „Das Stahlgewitter“ im Rückblick auf den Ersten Weltkrieg beschrieb:
„Der Krieg musste es uns ja bringen, das Große, Starke, Feierliche. Er schien uns männliche Tat, ein fröhliches Schützengefecht auf blumigen, blutbetauten Wiesen.“
Der letzte Sommer im Frieden
Der Historiker Sönke Neitzel sah die jetzt herannahenden Monate bereits als „der letzte Sommer, den wir noch im Frieden erleben“. Auf wie viele Kriegsjahre sollen wir uns dann ab 2026 einstellen? Sechs wie im Zweiten Weltkrieg? Oder vielleicht 30? Natürlich kann man in einer spannungsgeladenen Welt, die bevölkert ist von einer ganzen Reihe wahnwitziger „Führungspersönlichkeiten“, keine noch so schlimme Entwicklung ausschließen. Dennoch sieht man an einer solchen Äußerung, wie sehr sich das herrschende Narrativ bereits von der Realität emanzipiert hat. Putin scheint mit dem Vergehen von Zeit immer gefährlicher zu werden, ohne dass er Europa etwas angetan hätte und obwohl die Dynamik unter Donald Trump wahrscheinlich eher auf ein Ende des Krieges zuläuft.
Je brutaler eine Forderung, desto penetranter und unduldsamer wird sie den Menschen aufgedrängt. Was sich nicht von selbst erklärt, weil es den natürlichen Regungen der Lebensbejahung widerspricht, braucht spezielle rhetorische Mittel, um sich durchzusetzen. Dazu gehören: unzählige Sprecher, die die Menschen mit identischen Aussagen überfluten, andauernde Wiederholungen, Ausblenden der Gegenargumente, Delegitimierung von Gegnern … Hinzu kommt jene flammende Vehemenz, von der die Propagandisten des Falschen immer wieder ergriffen werden und mit der sie Widerstrebende ins Unrecht zu setzen versuchen.
Gläubige des „Kults“ verhalten sich ja gerade deshalb besonders fanatisch, weil sie gegenläufige Impulse der Vernunft und Menschlichkeit krampfhaft in sich niederzukämpfen versuchen.
Eines ist klar: Obwohl man für die kriegerische Vergröberung des öffentlichen Diskurses sicher auch „den Kapitalismus“ und kühl berechnende Politiker mit ausgeprägten Machtinteressen verantwortlich machen kann, hat das ganze doch einen Zug hysterischer Irrationalität. Mit der dunklen Seite von Religionen hat dieser Todeskult gemeinsam, dass er glutäugigen Glaubensfuror auf eher dünner Faktenbasis zelebriert, „Ketzer“ verbal verbrennt und die Gemeinde der Rechtgläubigen mittels sich wiederholender Litaneien krampfhaft auf Linie zu halten versucht.
Keiner will es — wir machen’s trotzdem
„Keiner von uns will Krieg – aber wir müssen uns jetzt darauf einstellen“, heißt es auf dem Titelblatt einer Ausgabe des Stern. Demokratie hieße demnach, dass selbst etwas, was „niemand“ will, eine rätsel- und schicksalhafte Notwendigkeit besitzen kann, welche nur die mit höherer Einsicht begabten Spitzenpolitiker zu begreifen vermögen. Natürlich steht hinter dem Satz des Stern die Idee, dass Wladimir Putin uns den Krieg einfach aufzwingen könnte. Aber auch das Verhältnis zu Russland ist kein unabwendbares Verhängnis, es ist politisch und diplomatisch gestaltbar. Wenn jedoch von europäischer Seite immer und überall das Falsche unternommen wird, könnte das Gerede vom „notwendigen“ Krieg zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden.
Noch ist es mit der Kriegstüchtigkeit der deutschen Seele — im Gegensatz zu früheren, heroischeren Zeiten — nicht so weit her. Aber was nicht passt, wird passend gemacht.
Wie sollen die Widerstrebenden, die — wie es Reinhard Mey ausdrückte — „aufs Sterben gar nicht so erpicht“ sind, an die Front getrieben werden? Will Friedrich Merz etwa als „Soldatenkönig“ in die Geschichte eingehen und junge Deutsche mit ähnlich brachialen Mitteln rekrutieren wie sein Vorläufer Friedrich Wilhelm I. von Preußen? Der „rief“ junge Männer mit Gewalt zur Fahne. Trupps machten Jagd auf Wehrfähige, sodass nicht wenige die Flucht ins Ausland ergriffen. Auch dort wurden sie jedoch verfolgt oder bei Rückkehr in die Heimat sogleich arretiert. Solche Geflüchtete sollten, wie es in einem Erlass von 1713 hieß, „als Deserteurs von gedachter Militz an Leib und Leben gestraffet werden“. (Rechtschreibung hier unverändert aus dem Original übernommen.) Werden junge Deutsche künftig wieder bestraft oder sogar getötet für die Todsünde des Nicht-Tötens?
„Wofür marschieren sie?“
Zu viele reden heute wieder vom Krieg, ohne ihn sich auch nur annähernd vorstellen zu können. Krieg — das heißt Schreie, Blut, Gestank, Zerstörung und unfassbares Leid. In dem Antikriegslied „The Band played Waltzing Matilda“ der Gruppe „Dubliners“ wird drastisch und ungeschönt über australische Kriegsveteranen gesungen, die 1915 auf einem fernen Kriegsschauplatz in der Türkei verheizt wurden:
„Sie sammelten die Verwundeten, die Verkrüppelten, die Verstümmelten auf,
Und sie schickten uns zurück nach Australien.
Die Armlosen, die Beinlosen, die Blinden und die Verrückten,
Diese stolzen verwundeten Helden von Suvla [Bucht in Gallipoli, Türkei].
Und als das Schiff am Circular Quay [Landungsplatz in Sidney] anlegte,
schaute ich auf die Stelle herunter, wo früher meine Beine gewesen waren.
Und Gott sei Dank wartete dort niemand auf mich,
um zu trauern und mich zu bemitleiden.“
Vielleicht sollten wir rechtzeitig, bevor es zu spät ist, die Frage stellen, die ein junger Mensch im Lied angesichts dieser verkrüppelten Veteranen stellt:
„Wofür marschierten sie?“

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