„Angst essen Seele auf“ war der Titel eines Films von Rainer Werner Fassbinder über die Liebe zwischen einer Deutschen und einem „Gastarbeiter“, wie Arbeitsmigranten in den 1970er Jahren in Westdeutschland genannt wurden. Der Film handelt von einer älteren Deutschen und einem jüngeren Marokkaner, die sich verlieben und heiraten, obwohl die Nachbarn und Freunde die Liebesbeziehung missbilligen.
Der Film von Fassbinder, der internationale Auszeichnungen erhielt, erinnert daran, dass es noch nicht lange her ist, dass Mut dazu gehörte, in Westdeutschland über Ausländerfeindlichkeit zu sprechen und das fortschrittliche Intellektuelle wie Rainer Fassbinder und Heinrich Böll („sie riefen Arbeiter, aber es kamen Menschen“) diejenigen waren, die das Thema mutig anpackten.
Neue Welle von Ausländerfeindlichkeit
Heute rühmt sich Deutschland seiner Ausländerfreundlichkeit. Doch kaum sind Migranten aus der Türkei und Afrika einigermaßen integriert und anerkannt, kommt die nächste Welle der Ausländerfeindlichkeit, seit 2014 angefeuert von Politikern, großen Parteien und Mainstream-Medien. Die Rede ist von Russen und russischer Kultur in Deutschland.
Zunächst wurden russische Medien in Deutschland — RT DE und Sputnik — verboten. Dann wurden russische Stardirigenten und Opernsänger von deutschen Bühnen verbannt. Parallel wurde jeder, der Kontakt mit Russland hatte, dem Verdacht ausgesetzt, mit „dem Feind“ zusammenzuarbeiten.
Und es kam noch schlimmer: Am 18. März 2025 stimmte der Bundestag mit 512 Stimmen — bei 206 Gegenstimmen — für die Änderung des Grundgesetzes und die Aufhebung der Schuldenregel, die Mehrausgaben für das Militär in unbeschränkter Höhe möglich macht. Außerdem wurde ein Sondervermögen von 500 Milliarden Euro für Infrastrukturmaßnahmen beschlossen. Zu der Infrastruktur gehören auch die vom NATO-Militär benötigten Transportwege.
Friedrich Merz und Olaf Scholz hatten die Kriegskredite noch vom alten Bundestag abstimmen lassen, obwohl der neue Bundestag schon gewählt war. Der Grund: Die Grundgesetzänderung hätte im neuen Bundestag wahrscheinlich keine zwei Drittelmehrheit bekommen.
Und so kam es, dass die Demokratie, auf die Deutsche stolz sind und mit der sich Deutschland in der ganzen Welt einen Namen gemacht hat, einfach ausgehebelt wurde, weil der Russe angeblich vor der Tür steht.
Die deutsche Politik gab selbst den Anstoß für Russlands Einmarsch
In seiner Rede vor dem Bundestag behauptete Friedrich Merz, dass Russland nach der Ukraine auch NATO-Staaten und Deutschland angreift. Der einzige „Beweis“ für diese Behauptung ist, dass Russland in der Ukraine vorrückt. Weil dieses Vorrücken nicht als Bedrohung für Deutschland aufgefasst werden kann, hat Merz in seiner Rede noch eine ganze Latte unbewiesener Bedrohungen durch Russland dazugepackt.
Russland führe einen Krieg gegen Deutschland, „der täglich stattfindet, mit Angriffen auf unsere Datennetze, mit der Zerstörung von Versorgungsleitungen, mit Brandanschlägen, mit Auftragsmorden mitten in unserem Land, mit der Ausspähung von Kasernen, mit Desinformationskampagnen, deren Teil auch Sie (gemeint war offenbar die AfD) mittlerweile sind, mit systematischer Irreführung und Täuschung unserer Gesellschaft und, meine Damen und Herren, mit dem Versuch einer Spaltung und Marginalisierung der Europäischen Union“.
Dass die Ost-Ausdehnung der NATO, der Grund für den russischen Einmarsch in der Ukraine war, umgehen Friedrich Merz und auch Olaf Scholz ganz bewusst. Sie lenken davon ab, dass sie mit ihrer NATO-Ausdehnung selbst den Anstoß für den russischen Einmarsch in die Ukraine gegeben haben.
Um von der eigenen Schuld abzulenken, schüren Friedrich Merz, Olaf Scholz, Boris Pistorius und die großen deutschen Medien täglich die Angst vor Russland. Angst ist eine Medizin, mit der sich viel erreichen lässt. Angst isst die Seele und auch den Verstand auf. Und wenn ein Deutscher ganz viel Angst hat, dann ist er sogar für Kriegskredite.
Angst lässt sich besonders gut züchten, wenn es um ein entferntes, unbekanntes Land geht, welches Westdeutsche in der Regel nie bereist haben, und dessen Sprache nur sehr wenige Westdeutsche — im Gegensatz zu den Ostdeutschen — kennen.
Seit 2000 immer weniger Alltagsreportagen aus Russland
Dass für Russland etwas Böses heraufzieht, spürte ich schon Anfang der 2000er Jahre. Nachdem Wladimir Putin zu dessen Präsidenten gewählt worden war, wurde es für mich als Auslandskorrespondent in Moskau sehr schwer, Berichte und Reportagen über den Alltag der Russen in deutschen Medien unterzubringen. Meine Kunden waren die Sächsische Zeitung, Thüringer Allgemeine, Südkurier, Die Presse, Rheinischer Merkur, Deutschlandfunk und andere Zeitungen und Radiosender.
Nur wenn der russische Alltag mit einem dramatischen Ereignis verknüpft war, wie Alkohol und Gewalt, wenn es etwas zu berichten gab über russische Neonazis, die Migranten jagten oder russische Nationalisten, die für Serbien demonstrierten, und man die „Überlegenheit“ der westlichen Werte herausstellen konnte, ließen sich deutsche Redaktionen dazu herab, eine Alltagsgeschichte zu drucken.
Sehr gefragt waren in den 1990er Jahren Berichte über den Absturz russischer Flugzeuge, russische Drogen- und Aids-Tote und Straßenkinder. Als es keine Straßenkinder mehr gab, wurde ich angehalten, über russische Mafia-Gruppen, brutale Züchtigungsmethoden bei der russischen Armee und angebliche russische Spione im westlichen Ausland berichten.
Die NATO begann, sich seit 1999 schrittweise nach Osten auszudehnen, zunächst nach Polen, Tschechien und Ungarn. Die deutschen Politiker scheuten sich damals noch, Russland als aktuelle Bedrohung zu brandmarken. Stattdessen erklärten sie und die deutschen Medien, man müsse die Osteuropäer, die jetzt der NATO beitreten wollten, „verstehen“. Sie hätten ja historisch schlechte Erfahrungen mit Russland gemacht. Das war eine heuchlerische Methode. Man schob die angebliche Besorgnis osteuropäischer Staaten vor, um nicht selbst über „die russische Gefahr“ sprechen zu müssen. Das hätten viele Deutsche, die in Russland keinen Feind sahen, damals noch nicht verstanden.
„Russische Mafia, russische Wildheit“
Erst heute wurde mir klar, dass die Berichte der deutschen Moskau-Korrespondenten über den „harten russischen Alltag“, die „russische Unberechenbarkeit“, die Brutalität der Mafia und des Soldatenalltags eine ausgezeichnete Begleitmusik für die NATO-Ostausdehnung waren. Und es war auch die perfekte Ablenkung von der Tatsache, dass Deutschland mit seinem Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion und den „russischen Untermenschen“ selbst ein Verbrechen begangen hat, über das so gut wie nie gesprochen wurde.
Warum wurde darüber nicht gesprochen?
In Westdeutschland kamen ehemalige Nazis ziemlich schnell wieder in führende Positionen. Die „einfachen“ Deutschen hatten irgendwie nie Zeit, sich mit ihren eigenen Verbrechen zu beschäftigen. Nach dem Zweiten Weltkrieg mussten sie die zerstörten Städte in Deutschland wieder aufbauen.
Danach wollte jeder endlich das Leben genießen. Und dann begann schon die Zeit, als die Vertreter der Kriegsgeneration starben, die Zeugen der Massaker an der Ostfront waren. Und nun ist Niemand mehr da, der etwas davon erzählen kann.
Statt die eigene Geschichte kennenzulernen und endlich das Verhältnis mit den Russen in Ordnung zu bringen, wollen die deutschen Eliten nun da anfangen, wo Deutschland schon zweimal scheiterte. Man will gegen Russland „kriegstüchtig“ (Scholz) werden und „Russland ruinieren“ (Baerbock). Das dient natürlich einem „guten Zweck“, Russland soll von Putin „befreit“ werden. Auch Hitler begründete seinen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion mit einem „guten Zweck“, der Schaffung von „deutschem Lebensraum“ auf dem Territorium der Sowjetunion.
Demokratie geht am besten „ohne Russen“
Dass Wladimir Putin in Russland ein populärer Staatsführer ist, können die deutschen Medien und Politiker unter keinen Umständen akzeptieren. Alle paar Jahre werden neue Gründe erfunden, warum das russische System nicht „nicht lebensfähig“ ist. Erst wurde behauptet, Russland stehe kurz vor dem Zusammenbruch. Die Opposition um Aleksej Navalny, russische Oligarchen und die westlichen Sanktionen würden das russische System zum Einsturz bringen.
Dass Russland sich 2014 hinter die Aufständischen im Donbass stellte, erklärten deutsche „Russland-Experten“ mit „der Angst des Putin-Regimes“ vor der „Demokratie in der Ukraine“, die sehr attraktiv für die Menschen in Russland sei.
Was eigentlich an dem Regime in der Ukraine, welches durch einen Staatsstreich an die Macht gekommen war, demokratisch sein soll, das haben die deutschen Medien und Politiker jedoch nie erklärt.
Dass Russland-freundliche Menschen in der Ukraine verfolgt und dass Russland-freundliche Medien und Parteien in der Ukraine ab 2014 verboten wurden, darüber berichteten die großen deutschen Medien nicht.
Indem westliche Medien die Zustände in der Ukraine schönschrieben, wurde gleichzeitig die Botschaft verbreitet, dass Demokratie am besten ohne Russen geht, denn die einfachen Russen seien von ihren Medien „verdorben“ und „seit Jahrhunderten“ von „grausamen Zaren“ zur Autoritätshörigkeit erzogen worden.
Selbst jetzt, wo die sozialen Medien voll sind von Videos, in den gezeigt wird, wie ukrainische Sicherheitskräfte auf den Straßen der Ukraine Jagd machen auf Männer, die man einfängt und an die Front bringt, oder sie, festgebunden an Laternenpfählen mit heruntergelassenen Hosen öffentlich als Deserteure oder Russland-Freunde zur Schau stellt, regen sich deutsche Menschenrechtsorganisationen und Medien nicht auf, ja sie vermelden diesen Straßenterror noch nicht einmal.
Die Gräber kann man besichtigen, bloß nicht in Deutschland
Nur logisch ist bei der Kriegstüchtigkeit, die deutsche Politiker predigen, dass man nicht an die deutschen Soldaten erinnern will, die beim letzten großen Krieg gegen Russland gefallen sind und jetzt in russischer Erde ruhen. Es sind Hunderttausende.
Für die deutschen Politiker ist es praktisch, dass die deutschen Soldatenfriedhöfe mit Gefallenen aus den Jahren 1939 bis 1945 nicht in Deutschland, sondern in Russland und anderen Staaten Europas liegen.
In Russland gibt es 150 deutsche Soldatenfriedhöfe. Eine aktuelle Übersicht mit Fotos von den größeren, neu angelegten deutschen Soldatenfriedhöfen in Russland hat der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge veröffentlicht.
Auf dem Friedhof Rosschoska, in der südrussischen Steppe, 37 Kilometer nordwestlich von Wolgograd — dem ehemaligen Stalingrad — liegen auf dem deutschen Soldatenfriedhof 61.700 Gefallene. Dazu kommen 14.563 „nicht mehr zu Bergende“ und 119.595 Vermisste.
Im Nordkaukasus, nahe dem Ort Apscheronsk, liegen an einem Hang auf einem deutschen Soldatenfriedhof 15.000 Gefallene. In dem nordkaukasischen Gebiet fielen zwischen Sommer 1942 und Herbst 1943 130.000 Angehörige der Wehrmacht.
In Sologubowka, 70 Kilometer südlich von St. Petersburg, liegen umgeben von Birkenwäldern 56.416 Gefallene auf einem deutschen Soldatenfriedhof. Im Nordwesten von Russland, südlich von Pskow, liegen auf einem deutschen Soldatenfriedhof am Ort Sebesh 29.600 Gefallene.
Nordwestlich von Moskau, vor der Stadt Rschew, wurden auf einem deutschen Friedhof 43.000 deutsche Soldaten beerdigt. Gleich daneben gibt es einen Friedhof mit 24.000 sowjetischen Soldaten.
In Duchowschtschina, 60 Kilometer nordöstlich von Smolensk, wurden 30.000 deutsche Soldaten auf einer Anhöhe bestattet
Die Friedhöfe in Wolgograd und Rschew habe ich selbst besucht. Der Anblick dieser Gräber und das Schweigen darüber in Deutschland machen mich immer wieder nachdenklich und traurig.
Wer noch nicht mal um die eigenen Toten trauert, was für eine Zukunft kann man von solchen Politikern erwarten?
Foto: Ulrich Heyden, Deutscher Soldatenfriedhof vor Rschew
Foto: Ulrich Heyden, Deutscher Soldatenfriedhof vor Rschew

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