Wo seid ihr, Schwestern?

Eine Einladung an das weibliche Geschlecht, sich zu Wort zu melden.

Mehr als 1.000 Autoren schreiben für Manova. Das ist großartig! Die allermeisten davon sind männlich. Das ist weniger großartig. Was hält Frauen davon ab, das Wort zu übernehmen? Warum sind in den alternativen Medien überwiegend Männer unterwegs? Wie kommt es, dass es regelrechte Herrenrunden gibt, zu denen Frauen so gut wie keinen Zutritt zu haben scheinen? Liegt es an Männern, die Frauen nicht hineinlassen? An Frauen, die kein Bedürfnis danach haben, in der Öffentlichkeit sichtbar zu werden, weil sie lieber da wirken, wo man sie nicht sieht? An Frauen, die sich nicht trauen oder die ganz einfach etwas anderes zu tun haben, was ihnen wichtiger ist? Was auch immer der Grund ist: Frauen fehlen! Es fehlen die weiblichen Stimmen in dieser Zeit eines Wandels, der uns alle betrifft und den wir nur gemeinsam schaffen.

Wir sind viele. Viele Menschen, die sich für einen friedlichen Wandel einsetzen, viele, die sich eine harmonische Welt wünschen, viele, die sich für die emotionale und spirituelle Ebene des Lebens öffnen. Viele, die feine Antennen entwickeln für die Zusammenhänge, viele, die sich für das Wohl aller engagieren, viele, die erkannt haben, dass das, was wir anderen antun, zu uns selbst zurückkommt. Wir sind viele, die in Freiheit und Selbstbestimmtheit leben wollen, die sich keine Bären aufbinden lassen und die in ihre eigene Kraft kommen, anstatt sich an anderen abzuarbeiten.

Ja, wir sind viele. Viele Frauen und Männer, die sich auf den Weg gemacht haben. Doch hier bei Manova, auf diesen Seiten, stehen überwiegend männliche Autorennamen. Die Gesprächsrunden sind deutlich von Männern dominiert. Woran liegt das? Warum kommen im Verhältnis so wenig Frauen zu Wort? Wollen sie nicht? Wagen sie es nicht? Warum gibt es so wenige Beiträge aus weiblicher Perspektive? Wo seid ihr, Schwestern?

Wo seid ihr, die ihr so stark seid, wenn es um emotionale Themen und spirituelle Weiterentwicklung geht, um individuelle Entfaltung, die Befreiung aus alten Programmierungen und eine ganzheitliche Betrachtung des Lebens?

So mutig und kreativ seid ihr bei der Bildung von Frauengruppen, Gesprächskreisen und Initiativen, die dabei helfen, wieder echt und authentisch zu werden. Hier sind die Männer in der Minderheit. Hier sind sie es, die euch folgen.

Warum lesen wir so verhältnismäßig wenig aus weiblicher Feder? Warum geben wir uns damit zufrieden, Informationen zu sammeln, Daten zu analysieren und Eliten zu kritisieren? Warum begnügen wir uns damit, die Misere in alle Richtungen zu drehen und auseinanderzunehmen, anstatt uns den Lösungen zuzuwenden? Warum ritzen wir, wie ein Kollege sagt, auch noch die hundertste Analyse in die zerstörerische Matrix, und wissen doch, dass es uns nicht weiterbringt? Warum versteifen wir uns darauf, die Ohnmacht zu nähren, die Ratlosigkeit und das Gefühl, nichts machen zu können?

Gefangen

Die meisten Klickzahlen bekommen Beiträge, in denen es um Kriege geht. Manche Menschen scheinen regelrecht süchtig nach schlechten Nachrichten zu sein. Ich habe es ja gleich gesagt. Es wird böse enden. So wird eine Weltsicht bedient, wonach der Mensch eine missratene Kreatur ist, die nach zweieinhalb Millionen Jahren am besten so schnell wie möglich wieder verschwindet. Auch alternative Medien sind anfällig dafür, Katastrophenszenarien zu unterhalten. Sie werden gerne genommen. Es ist, als machte man es sich vor einem Film gemütlich, in dem eine Bombe nach der anderen hochgeht.

Dieses Szenario ist darauf angewiesen, immer neues Futter zu bekommen, immer neuen Stoff zum Zerreißen. Man regt sich auf, drückt seinen Unmut aus, findet eine gewisse Genugtuung darin, dass die anderen die Schlimmen sind, und lässt alles beim Alten. Wenn es um Lösungen geht, reden wir uns damit heraus, dass ja die meisten nicht mitmachen würden, und lassen es sein.

Indem wir unser Leben von anderen abhängig machen — von den Eliten „da oben“ und von denen „da unten“, die es nicht kapieren wollen —, manövrieren wir uns immer weiter in eine Ohnmacht, die nur dadurch erträglich wird, dass wir der Misere insgeheim etwas abgewinnen. Immerhin passiert etwas.

Ein Hauch von Abenteuer haftet den Ereignissen an, auch wenn sie einem gegen den Strich gehen. Frieden und Harmonie wirken daneben geradezu langweilig. Zufrieden ist der, der etwas zu lästern hat und weiß, warum er sich beklagt.

Verbinden der Gegensätze

Aus dieser Haltung kommen wir alleine nicht heraus. Es braucht die vereinte Kraft von Frauen und Männern, um sich für Lösungen zu öffnen und Frieden attraktiv zu machen. Die Herren- und die Damenclubs müssen sich für den Gedanken an eine echte Partnerschaft öffnen, in der die eine Seite die andere nicht belächelt, sondern ihr die Hand reicht. Analytiker müssen gewissermaßen auf Schamanen treffen, Realisten auf Mystiker. Emotionale und rationale Intelligenz müssen sich miteinander verbinden, die Kunst mit der Logik, die Poesie mit dem kühlen Kopf.

Ein Gehirn besteht aus zwei Hälften. Wir brauchen beide. Die linke Seite ist für Details, Fakten und Wissen zuständig, die rechte für Gefühle, Symbole und Intuition. Während die linke Hälfte den Fokus setzt, hat die rechte den Überblick. Beide Seiten sind gefragt. Kommt nur eine Seite zum Zuge, beginnt das Schiff auf seinem Kurs zu schlingern und sich im Kreis zu drehen.

Das haben wir zur Genüge ausprobiert. Nun geht es daran, gemeinsam zu steuern. Hierzu brauchen wir keine Experten und Spezialisten, die den Wald vor lauter Bäumen nicht erkennen, sondern Frauen und Männer, die bereit sind, zusammen zu wirken. Wir brauchen Männer, die sich nicht über Gefühle mokieren, und Frauen, die nicht darauf warten, dass man sie zum Tanz auffordert. Wir brauchen Menschen, die dazu stehen, es auch nicht besser zu wissen. Alle zusammen befinden wir uns in einer Situation, deren Lösung niemand kennt.

Niemand weiß, wie es weitergeht. Für uns alle ist die Zukunft unsicher. In dieser Unsicherheit können wir uns begegnen. Wir können uns mit unseren Fragen zeigen, unseren Zweifeln, unserer Verletzlichkeit. Anstatt das jeweils andere als Brennholz für das eigene Lagerfeuer zu benutzen, können wir an einer wirklichen Gleichberechtigung arbeiten, die nicht nur auf dem Papier besteht, und damit aufhören, uns entweder gegenseitig zu erhöhen oder zu erniedrigen und uns wirklich auf Augenhöhe begegnen.

Neue Dialektik

Die Künstlerin und Therapeutin Catherine Thurner macht vor, wie es gehen kann. Sie verbindet wissenschaftliche Forschung mit künstlerischer Intuition und entwickelt mit ihren Gesprächspartnern Wege, die aus der zerstörerischen Matrix herausführen. Einer von ihnen ist der Apotheker und Alchemist Carsten Pötter. Alchemie meint bei ihm keinen äußeren Zerstörungs-, sondern einen inneren Bewusstseinsprozess, bei dem gewissermaßen das innere Gold freigelegt wird (1).

Grundsätzlich alles wird in Frage gestellt und überprüft. Jede Gewissheit wird angetastet. Dem dialektischen Modell „These plus Antithese gleich Synthese“ stellt er ein anderes Modell gegenüber: These plus These ergeben eine Anathese, das gemeinsam entwickelte, vorläufige Ergebnis einer Gleichung, bei der aus eins plus eins nicht zwei, sondern drei geworden ist: etwas, das ein wenig anders ist, angereichert durch die verschiedenen Betrachtungsweisen.

So entsteht gewissermaßen eine Treppe, auf der alle weiter nach oben kommen. Nach einem solchen Austausch ist man nicht versucht, sich an den Baum zu hängen, den man mit letzter Kraft noch gepflanzt hat, sondern neugierig, etwas auszuprobieren. Es wird nicht perfekt sein. Ein Kind fällt unzählige Male, bis es auf eigenen Beinen geht.

Wir machen Fehler und Umwege. Es darf Lücken geben. Wir dürfen sagen „Ich weiß es nicht“ und müssen nicht so tun, als hätten wir die Weisheit mit Löffeln gefressen.

Man muss nicht erst drei Doktorarbeiten geschrieben haben, um sich zu einem bestimmten Thema zu äußern. Unser Wissen muss nicht komplett sein. Es geht nicht darum, Vorträge zu halten, sondern im Austausch zu sein, in einem fruchtbaren Austausch, bei dem nicht die eine Seite die andere zu vernichten versucht und das Ergebnis ein grauer Brei wird, sondern bei dem ein Funke entsteht, der beide Seiten erhellt.

Der nächste Schritt

Die Männer werden sich die Vormachtstellung, die sie in einer patriarchal geprägten Gesellschaft per se einnehmen, nicht aus der Hand nehmen lassen. Da nicht sie es sind, die gebären können, werden sie diesen Mangel weiter mit dem Hervorbringen geistiger Werke zu kompensieren versuchen.

So wird den Frauen nichts anderes übrigbleiben, als sich zu den Männern auf eine gemeinsame Stufe zu begeben. Sie müssen aufhören zu erwarten, dass es die Männer sind, die die Probleme regeln, wenn es brenzlig wird.

Frauen dürfen sich aus ihren Erwartungen und Abhängigkeiten befreien; nicht, um es den Männern gleichzutun, sondern um ihre eigenen Gaben und Talente einzubringen. Schon manche stehen selbstbewusst da und zeigen sich der Welt. Frauen wie Ulrike Guérot, Gabriele Gysi, Gwendolin Kirchhoff, Alicia Kusumitra, Anke Evertz, Christiane Hansmann, Peggy Rockteschel, Sandra Weber, Birgit Fischer, Eva-Maria Zurhorst, Catharina Roland oder Sabine Lichtenfels — sie beweisen Mut und Rückgrat, sind kompetent, ohne überheblich zu sein, stark, ohne angreifend, und kritisch, ohne zynisch zu sein.

Diese Eigenschaften werden jetzt gebraucht! Qualitäten, die das Ganze wieder zusammenbringen, anstatt es immer weiter zu analysieren und auseinanderzunehmen. Es braucht eine Risikobereitschaft, wie sie Frauen zu eigen ist: die Neugierde einer Eva, die Entschlossenheit einer Lilith, die Intelligenz einer Lysistrata, der es gelungen ist, die Athenerinnen zur Liebesverweigerung zu überreden und damit die Männer zu zwingen, den Krieg zu beenden. Es braucht den Mut einer Olympe de Gouges, die aus der Französischen Revolution nicht nur einen Kampf für Männer-, sondern einen Kampf für Menschenrechte machte.

So viele Frauen sind vorangegangen, für die eine von Männerhand geschriebene Geschichte kaum Erwähnung findet.

Die Geschichte unserer Emanzipation ist noch nicht zu Ende! Wir sind noch weit davon entfernt, uns auf wirklicher Augenhöhe zu begegnen, stark und verletzlich zugleich, selbstbewusst und hingebungsvoll, sensibel und entschlossen. Doch wir sind auf dem Weg!

Das, liebe Leserin und Autorin, können Sie beherzt zum Ausdruck bringen. Wir freuen uns auf die weiblichen Stimmen und darauf, einen echten Ausgleich zwischen männlicher und weiblicher Natur in die Welt zu bringen.