Schlechte Zeiten für Aufklärer

Das Problem unserer Zeit ist nicht, dass Politiker die eine oder andere Lüge erzählen — schlimm ist, dass sich viele in der Unwahrheit bequem eingerichtet haben.

„Corona“ war nicht nur der Paukenschlag, um die Weltbevölkerung in stete Angstbereitschaft zu versetzen. „Corona“ war auch der Auftakt für ein Leben in einem allumfassenden Lügengebäude. Gelogen und betrogen wurde zwar schon vorher, aber mit der „Corona“-Erzählung sollen Fakten endgültig der Vergangenheit angehören. Und die lässt sich mit manipulierten Treffern der Suchmaschinen auslöschen. Informationen werden seither in allen Gesellschaftsbereichen durch Propaganda ersetzt. Fakten sind ein Minderheitenprogramm und Minderheiten haben es bekanntlich immer schwer. Aber das Problem ist größer: Die Mehrheit — zumindest in den westlichen Akademikergesellschaften — hat dieses Leben in der Lüge akzeptiert.

Auf den ersten Blick scheinen Unwahrheiten und totalitäre Gesellschaftsumstände nicht zwingend miteinander verknüpft zu sein. Tatsächlich funktioniert aber keine Diktatur ohne Lügengebäude. Vaclav Havel (1936 bis 2011), der Dichterpräsident der Tschechischen Republik, hatte dies in der Zeit nach der Unterdrückung des Prager Frühlings erkannt. Er und seine Landsleute waren mit der Rückkehr der kommunistischen Diktatur gezwungen, in einem Labyrinth der Lüge zu leben. Andernfalls hatten sie ihr Recht auf gesellschaftliche Teilhabe verwirkt. Das „Leben in Lüge“ ist der Stützpfeiler jeder totalitären Ordnung, diagnostizierte Vaclav Havel 1978 in seinem Essay „Versuch, in der Wahrheit zu leben“ (1).

Jede auf eine kleine Minderheit monopolisierte Machtausübung beruht auf der Anmaßung, dass Oligarchen — ob aufgrund göttlicher oder geldlicher Ermächtigung — einen Anspruch auf Herrschaft hätten. Da diese Anmaßung immer faktenfrei ist, benötigt sie Lügen-Narrative eines Gottesgnadentums oder einer übergeordneten Verantwortung für „soziale Gerechtigkeit“, „Klima“ oder „Gesundheit“. Die Akzeptanz von Lügen ist der Schlüssel für jede Unterwerfung einer Bevölkerung. Den Glauben an Fakten durchzusetzen, ist keine Unterwerfung. Kirchen und Kommunismus haben eindrücklich unter Beweis gestellt, dass nur der die Bevölkerung beherrscht, der Lügen etablieren kann.

Das perfide daran ist, dass Lügen irgendwann in einer Diktatur enden, wenn sie nur totalitär genug werden. Denn alles, was unwahr ist, zerschellt früher oder später an der Realität. Um dies zu verhindern, kann nur ein autoritärer Durchgriff die Lügen aufrechterhalten.

Dies gilt für ganze Gesellschaften wie das individuelle Leben. Gesellschaften, die den Anschein freiheitlicher Zustände nur noch vorgaukeln, müssen ihre Kritiker zum Schweigen bringen. Lebensuntüchtige, die ungeachtet ihres Versagens von sich überzeugt sind, müssen mit allen Mitteln verhindern, dass ihre Selbsttäuschungsmanöver auffliegen.

Der Weg in den Totalitarismus über ein immer dichter gewebtes Lügengeflecht ist heimtückischer als ein Staatsstreich mit Panzern und Polizei. Umso gefährlicher ist der abschüssige Pfad der ehemals liberalen Staaten des christlichen Abendlandes. Die Lügen über pandemische mikrobielle Krankheitsbedrohungen, das Wetter und die militärische Bedrohung aus dem Osten sind inzwischen in alle Winkel der Gesellschaft eingesickert. Auch wer die Lügen durchschaut, ist nicht gefeit. Bleibt doch nur die zunehmende Isolation von Medien und Mitmenschen, um einen klaren Kopf zu behalten. Jeder Sozialkontakt zwingt zu Kompromissen oder der Übernahme von Lügen.

Wer eine Gesichtsmaske trug, sich testen ließ oder die Diagnose „Covid-19“ akzeptierte, wurde zum Teil des Lügengespinsts wie der- oder diejenige, die sich Test- und Impfzertifikate erschwindelte.

Heute haben auch die im Lügengebäude Platz genommen, die „Long Covid“ für eine mögliche Diagnose halten oder Krankheit durch Impfungen „Post-Vac“ nennen. Aber auch wer Veganes für gesünder und nachhaltiger hält als traditionelle Mischkost, seine Kinder impfen lässt, um einen Platz im Kindergarten zu erhalten, oder den Ersatz von Öl und Gas durch Windturbinen und Photovoltaik für notwendig erachtet, läuft leere Kilometer im Irrgarten der Lügen.

Der Preis für die äußere Konformität sind unweigerlich Verzweiflung, Apathie und innere moralische Entwürdigung. Das Labyrinth von faulen Kompromissen und Lügen lenkt die Energien der Bevölkerung auf die Aufrechterhaltung privater materieller Annehmlichkeiten. Der geistige, ethische und politische Horizont schrumpft. Zurück bleiben orientierungslose Menschen, die sich jede neue Lüge der Massenmedien als Chance vorgaukeln lassen, dem Irrgarten entkommen zu können.

Die blassen, ausdruckslosen Betongesichter von Politikern und ihren Sprechern, denen keine Erkenntnisse über die Wirklichkeit mehr vorliegen, sind die sichtbaren Masken der inneren Aushöhlung.

Wer an den Fakten festhält, wird daher — ohne politisch sein zu wollen — zum Regimegegner. Erkennbar ist dies jetzt wieder daran, dass innerhalb der Europäischen Union alle schriftlichen und mündlichen Äußerungen, die dem offiziellen Narrativ widersprechen, kriminalisiert werden. Jede Suche nach der Wahrheit gefährdet das Lügengebäude der Herrschenden und damit deren Machtausübung. Deswegen sind inzwischen bereits Barometer weitgehend verschwunden, weil die Messung des Luftdrucks zu einem Akt der Rebellion gegen die ritualisierte Ordnung wird. Niemand soll noch denken können, dass es bei hohem Luftdruck trocken ist und die Sonne scheint. Wann werden Außenthermometer verschwinden?

Gibt es einen Hoffnungsschimmer? Ja, aber nur langfristig. Mit der Zeit erstarrt jedes totalitäre System, weil es nur seine eigene „Wahrheit“ kultiviert. Ohne kulturelle Vitalität, die Neugier auf tatsächliche Zusammenhänge und einen lebendigen Diskurs ist Stagnation und freudloser Gehorsam unvermeidlich. Ein System mit Lakaien, Opportunisten und inkompetenten Experten in allen Führungspositionen hat keine Zukunft.

Der Kult der „richtig denkenden Mittelmäßigkeit“ hat in einer globalen Konkurrenz verschiedener Gesellschaftsmodelle keine Überlebenschance.

Es gibt eine „Macht der Machtlosen“ (2). Wenn nur genügend Menschen den unbequemeren Weg eines „Lebens in Wahrheit“ statt in Lügen wählen, bricht der tragende Stützpfeiler. Das System der Ängste kollabiert. Vaclav Havel empfiehlt eine etwas andere Definition von Hoffnung. Hoffnung sei nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgehen wird, sondern „die Gewissheit, dass etwas sinnvoll ist, unabhängig davon, wie gut es ausfällt“. Auch ohne große Bühne kann jeder seinen Schrebergarten in Wahrheit bestellen. Am Ende kann dann eine Gesellschaft wieder erblühen. Aber auch nur dann, wenn dies genügend Menschen mitmachen.


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