Die Todgeweihten

Im Politikbetrieb herrschen Zynismus und Resignation — viele lassen sich willenlos in den Untergang hineintreiben.

„Viva la muerte“ — es lebe der Tod — lautet ein Ausruf der Faschisten im spanischen Bürgerkrieg. Eigentlich ist das ein Widerspruch in sich. Alles Lebendige will leben, könne man meinen. Und das sollte auch für uns Menschen gelten. Leider hat sich als Reaktion auf die vielen katastrophalen Entwicklungen in der Politik eher eine Haltung resignativer Hinnahme etabliert. Dies hat auch mit einem Prozess der Desensibilisierung zu tun, den viele durchlaufen, um all das überhaupt noch auszuhalten. Man lässt die eigene Verarmung und die Eskalation einer gefährlichen Kriegsstimmung geschehen, schaut müde dem eigenen nahenden Untergang, der Zerstörung Deutschlands oder sogar der ganzen Erde zu. Gehorsam und kurzfristige Bequemlichkeit erweisen sich als die höheren Werte, selbst noch in Todesnähe. Fast nirgendwo sind mehr Mut und Hoffnung spürbar. Wer das Leben liebt, sollte jetzt Samen des Friedens säen, auch wenn er selbst die Früchte vielleicht nicht mehr wird ernten können.

Viva la muerte (1)? Ein Kind schwimmt im Fluss und gerät in einen Sog. Ein Mann springt hinterher, schafft es aber nicht, das Kind zu retten. Eine Frau fährt in einem Boot vorbei. Der Mann ruft ihr zu, sie solle ihm ihren Rettungsring zuwerfen. Die Frau schüttelt den Kopf und fährt weiter. Das Kind ertrinkt. Diese „Black Story“ (2) habe ich kürzlich einem alten Freund von den Linken geschickt.

Die Lösung: Das Kind ist die Bundesrepublik, der Mann hatte ein AfD-T-Shirt an und die Frau ist von den Linken. Hintergrund: Die Linke hatte das Angebot ausgeschlagen, gemeinsam mit der AfD den neuen Bundestag nach Artikel 39 Abs 3 des Grundgesetzes einzuberufen, um die Verfassungsänderung, die grenzenlose Verschuldung ermöglicht, zu verhindern. Mein Freund verwies auf den Blog einer Bundestagsabgeordneten der Linken. Darin habe sie erläutert, warum das Vorhaben gescheitert wäre. Das mag sein, aber wenn einem etwas wirklich wichtig ist, lässt man doch nichts unversucht.

Diese Volksvertreterin leitete ihre mit juristischen Spitzfindigkeiten gespickte Begründung so ein: „Wie funktioniert Destabilisierung der Demokratie und Empörungsbewirtschaftung?“ (3). Es gibt heute nicht mehr viele, die sich für Frieden engagieren, aber es gibt sie. Sie reden, schreiben, machen, tun. Alles nur „Empörungsbewirtschaftung“? Diese Vokabel zeigt den Zynismus, mit dem unser Politbetrieb imprägniert ist, durch und durch. Meinem Freund war die Volksverachtung, die in dem Ausdruck liegt, nicht aufgefallen, ebenso wenig den Kollegen dieser Abgeordneten.

Auf einer Kundgebung des Antikriegsbündnisses in Frankfurt, auf der ich später dann eine Rede gehalten habe (4), stand meine Frau vor dem Plakat „Stoppt den Krieg“ und verteilte Flugblätter, auf denen unter anderem stand: „Kein Sozialkahlschlag für Aufrüstung und Krieg!“ (5) Jemand sprach sie an: „Wieso stehen Sie hier? Sie sehen doch ganz vernünftig aus.“ Es war Cary Drud, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Ortsbeirat für die Frankfurter Stadteile Niederrad, Oberrad und Sachsenhausen. Als ich kam, war er schon weg; ich habe ihm dann eine lange, freundliche Mail mit verschiedenen Links zu meinen Beiträgen geschickt. Er hat nicht geantwortet.

Was ist in die Grünen gefahren? Sie hatten mit Petra Kelly und Antje Vollmer doch mal ganz vernünftige Leute in ihren Reihen.

Der Zynismus des Politbetriebs und seiner Figuren geht mit einer allgemeinen Gleichgültigkeit der Gesellschaft einher, die sich mit Konsum betäubt. Wir gleiten langsam ab in eine Depression, vor allem auch psychisch. Caroline Muhr hat ihr erschütterndes Zeugnis über ihre jahrelange Odyssee durch die psychiatrischen Anstalten der Sechzigerjahre mit folgenden Worten beendet:

„Ich bin wieder normal, das heißt unempfindlich geworden. Zwar staune ich noch immer darüber, dass wir nicht verzweifeln. Aber das besagt nicht viel, es ist ein theoretisches Staunen. Ich esse wieder mein Filetsteak, auch wenn ich drei Stunden vorher gelesen habe, wie Menschen sterben und gefoltert werden. Es scheint, ich gehöre tatsächlich wieder zu den Normalen, zu denen, die sich abfinden, die sich arrangieren, zu denen, die aus ihren Erfahrungen das Fazit ziehen: So ist nun mal das Leben. Ich werde mir eine neue Arbeit suchen, ich werde eine bessere Ehefrau sein, ich werde durchschnittlich zufrieden leben. Aber ich fürchte, eines Tages werde ich wieder glauben, ich müsste nach einem anderen Fazit suchen“ (6).

Suizid war 2023 bei Jugendlichen zwischen 10 und unter 25 Jahren die häufigste Todesursache, gefolgt von Verkehrsunfällen und Krebs (7). Nach dem Amoklauf eines 18-jährigen Schülers im russischen Kertsch im Oktober 2018 meinte Wladimir Putin zu den Ursachen: „Das bedeutet, dass wir keine nützlichen, interessanten und wesentlichen Inhalte für junge Menschen schaffen“ (8).

Aber wo sind die Ideale, wo sind die Vorbilder heute? Mit 14 habe ich ein Jugendbuch über das Leben von Che Guevara verschlungen (9). Gleichzeitig habe ich im Konfirmandenunterricht gesungen: „Jesu geh voran, auf der Lebensbahn“ (10). Beides hat mich geprägt. Wofür brennt die Jugend heute? Ich weiß es nicht.

Wenn man Bekannte auf ihren elefantengleichen ökologischen Fußabdruck anspricht, mit dem sie die letzten Ressourcen unserer Erde zertrampeln, antworten sie: „Man kann die Entwicklung nicht aufhalten.“

Diesen Nihilismus ohne Ideale findet man oft in russischen Romanen des 19. Jahrhunderts. „Unser Handeln wird nur davon bestimmt, ob etwas nützlich ist“ (11), sagt Basarow, ein angehender, hochnäsiger Mediziner in Turgenjews „Vater und Söhne“. Aber was ist nützlich? Das Geld, der Profit, die Liebe, das ewige Leben? Lin Yutang sagt:

„Lebensweisheit ist, alles Überflüssige zu eliminieren und die philosophischen Probleme auf das Wesentliche zu reduzieren — die Freude zu Hause (die Beziehung zwischen Mann, Frau und Kind), im Leben, in der Natur und der Kultur. Alle anderen wissenschaftlichen Disziplinen und nutzloses Streben nach Wissen sollte man vom Hof jagen“ (12).

Dazu passt die biblische Erkenntnis: „Denn was kriegt der Mensch von all seiner Mühe und dem Streben seines Herzens, womit er sich abmüht unter der Sonne?“ (Prediger 2, 22) Die Gier nach immer mehr und weiter lässt die Herzen verstummen.

Glück und Zufriedenheit erlangt man, indem man Verantwortung übernimmt. So bin ich erzogen worden. Die vielen warmherzigen Kommentare, die ich für meine Beiträge im Overton-Magazin bekomme, lassen hoffen, aber viele Bekannte sind so autoritätsgläubig, dass sie sich fast ein wenig dafür schämen, wenn sie sich erlauben, mir für kurze Zeit zuzuhören. Was ist da zu tun? Wer an Gott glaubt, hat den Vorteil, Verantwortung abgeben zu können. Caroline Muhr schreibt, beim Hören von Bachs Präludien und Fugen könne sie sich das „Lächeln Gottes“ vorstellen, um sofort resigniert festzustellen:

„Aber welcher Gott lächelt schon? Kein Gott, an den ich glauben könnte. Wenn ich mir einen Gott über dieser Erde vorstelle, dann grinst er höchstens schwach, als wäre er verlegen“ (6).

Christliche Missionare, die als Erste in verlassene Winkel dieser Welt ausgesendet werden, schöpfen ihre Zuversicht aus der Erkenntnis, dass die, die säen, meist nicht die sind, die die Ernte einfahren. Es ist wichtig, dass es Langstreckenläufer gibt, „grauköpfige Romantiker“ (8), die allen Widrigkeiten zum Trotz unverdrossen die Fackel des Friedens weitertragen. Aber ich bin zu müde, um einer verrückten Welt hinterherzulaufen. Im eigenen Umfeld gibt es genug zu tun. Und für mein Geschreibsel gilt: „Das Echte bleibt der Nachwelt unverloren“ (13).