Die richtige Wahl
Faktisch können wir derzeit nur verschieden eingefärbte Erfüllungsgehilfen für „Eliten“ wählen — ein tiefer gehender Wandel müsste auf einem geistigen Paradigmenwechsel fußen.
Wir kennen es alle: das Katergefühl, das tiefe Ungenügen nach Wahlen — selbst, wenn die von einem selbst favorisierte Formation zunächst siegreich war. Nach einiger Zeit werden mögliche Fortschritte von einem offenbar unheilbaren System absorbiert, erweist sich der scheinbare wuchtige „Coup“ eines Machtwechsels als ein Schlag ins Wasser. Auf einer tieferen Betrachtungsebene, erhält dabei nur ein anderes Mannschaftsmitglied auf der Titanic die Kapitänsbinde, ohne dass der Kurs auf den Eisberg geändert würde. Aber auch Deutungen der Art, dass „das System“ oder „der Kapitalismus“ schuld seien, greifen mitunter zu kurz, wenn Menschen in sich selbst strukturell ungeeignet sind, um Träger einer humaneren Gesellschaft zu werden. Eine wirkliche Veränderung müsste bei den Tiefenschichten der kollektiven menschlichen Seele ansetzen. Der erstrebenswerte Wandel wäre zunächst ein Wandel des weltanschaulichen Paradigmas, das allen konkreten, zeitbedingten Ideologien zugrunde liegt. Anregungen hierfür gibt es im traditionellen Gedankengut der menschlichen Kulturen zur Genüge. Bevor wir bei bestimmten Parteien unser Kreuzchen machen — aus einer immer wieder enttäuschten Erlösungshoffnung heraus —, müssen wir zunächst eine fundamentale Entscheidung treffen und das Leben wählen, nicht die Zerstörung.
Zweifelhafte Wahl
Wahlen sind ambivalente Errungenschaft und zugleich Aufmerksamkeit heischende Krux geworden. Das Wort „demokratische“ geht nur noch schwer über die Lippen: Es gibt vielfältige Möglichkeiten, Wahlen subtil und direkt zu beeinflussen. Ein größer werdender Teil der Bevölkerung kann sich immer weniger mit den „Parteiangeboten“ identifizieren.
Wer das Wahlgeschehen und die daraus hervorgehenden, realen Handlungen betrachtet, fragt sich: Ist nicht Inhumanität unaufhebbar der eigentliche Kern des Politischen und dieser unabwählbar?
Früher oder später tritt das Inhumane doch unverhüllt in politische Aktion, oft auch durch neue Player. Die Inhumanität des Politischen äußert sich historisch und in der Gegenwart in Imperien wie im ganz normalen Staat, der immer ein „kleines Imperium“ ist. Sie äußert sich im Phänomen des sogenannten deep state und in den Herrschaftsstrukturen jenseits staatlicher Gewalt, die die Weltpolitik entscheidend beeinflussen. Demokratien, das, was man dafür hält, machen hier keine Ausnahme. Die latente, immanente Inhumanität kam in der Coronakrise nur zugespitzt zum Ausdruck. Nun findet sie Fortsetzung unter anderem in der schleichenden Militarisierung der Gesellschaft. Die relativen Vorteile von Demokratien gegenüber Autokratien schwinden derzeit zusehends. (1) Woran liegt das?
Zum einen bedarf es — aus meiner Sicht — einer ganz anderen Qualität der gesellschaftlichen Sphäre, um etwas in gesunder Perspektive Sinnvolles ins Werk zu setzen. Ist diese Annahme zu kryptisch, brückenlos und illusorisch? Kann diese andere Qualität — echtes Miteinander, Menschlichkeit, schöpferische Perspektiven — nicht doch plötzlich hervorbrechen?
Aus dem politischen Raum allein können keine lebenswerten und nachhaltigen Lösungen für die wichtigen Fragen unserer Zeit geboren werden. Wir brauchen eine akzeptierte Metaebene, von der aus sich Orientierungen und Handlungsweisen neu bestimmen lassen. Dazu bedarf es unter anderem der Impulse philosophischer und kulturphilosophischer Natur. Frische und unverdorbene wie ehrwürdige Quellen der Neu-Orientierung und Entscheidungsfindung, Quellen der Lebensbejahung und Daseinsfreude.
Das derzeitige innenpolitische Tohuwabohu ist unerträglich, ein Abgesang. Das außenpolitische Gebaren Deutschlands unterirdisch, beschämend. Es schaltet und waltet unglaubliche Ignoranz und Ideologisierung, und sie wird Tag für Tag weiterzelebriert. Gibt es daraus einen Ausweg? Welche Möglichkeiten gibt es jetzt?
„Wählen“ gehen im Rahmen der jetzigen Begrenzungen.
Unter den derzeitigen Gegebenheiten läuft das in Deutschland sehr wahrscheinlich weiterhin auf Erfüllungsgehilfen-Regierungen für „Eliten“-Planungen hinaus, mit einigen Anpassungen an Stimmungen innerhalb der Bevölkerung.
Deutschland ist innenpolitisch von vielen anderswo getroffenen Entscheidungen abhängig. Eine ernsthafte, ganzheitlich denkende und agierende Alternative für Deutschland ist meiner Ansicht nach im Parteienspektrum nicht in Sicht. Dass der Weg von Parteineugründungen keine wirkliche Alternative hervorbringen kann, ist an einigen aktuellen Beispielen abzulesen. Selbstverständlich sollten die Kräfte gestärkt werden, die Forderungen nach Frieden wirklich aufrechterhalten und auf kriegerisches Gebaren verzichten.
„Nicht wählen gehen.“ Das Nicht-in-Anspruch-nehmen des „Wahlrechtes“ hat einen eigenen Wert. Wenn 70 bis 80 Prozent oder mehr der Bevölkerung auf das „Wahlrecht“ verzichten, ließe sich das nur schwer ignorieren. Fragen kämen auf: Wie gestalten „wir“ (wer?) die politische Landschaft für eine hinreichende Akzeptanz durch (wen?) die Bevölkerung? Was und wer trifft überhaupt noch auf echte Zustimmung?
Es gibt die Möglichkeit, sich gar nicht mit der Alternative Wählen-oder-nicht zu befassen. Bekanntermaßen bringen die zur Wahl stehenden Personen und die Fortführung von „strukturell gelenkter Demokratie“ wahrscheinlich kaum etwas wirklich Zukunftsweisendes und umfassend Menschliches auf den Weg.
Man kann wählen gehen, oder nicht. Beides ist legitim. Wer diese Haltung einnimmt, erlebt wenigstens keinen Enttäuschungsschaden, weil er dann nicht auf die größtenteils dysfunktionale politische Sphäre projiziert. Das politische System erscheint in der jetzigen Form unheilbar — gleichwohl es als Mitausgangspunkt für eine Selbsttransformation gesellschaftlicher Organisation dienen kann.
Sollte es zur Kassierung eines „nicht korrekt zustande gekommenen“ Wahlergebnisses kommen, dann können Vorgänge wie 1989 in der DDR kaum ausbleiben. Damals kamen Fälschungen der Ergebnisse der Kommunalwahlen ans Licht. Ein halbes Jahr später fiel die Mauer … Was wäre ein entsprechendes Pendant in der heutigen Situation? Verstärkte Unzufriedenheit in der deutschen Bevölkerung wie damals in der DDR-deutschen kann man ohne Umfragen konstatieren.
Wäre da noch die jetzt wenig wahrscheinliche „Selenskyj-Lösung“: Die Regierung bleibt einfach im Amt unter In-Anspruchnahme von vorgeschobenen Gründen. Dann bräuchte es vorerst keine Wahlen mehr. Das kann sie sicher nicht lange durchhalten.
Wir brauchen jetzt eine Regierung der nationalen Verantwortung, die sich um grundlegende Versorgungs- und Lebensrahmen-Sicherungen in einer Phase relativen Niedergang Deutschlands kümmert. Wie diese Regierung zustande kommt, kann einem fast egal sein.
Sie muss sich neben den nötigen Maßnahmen zu bezahlbaren Lebenshaltungskosten um die Erarbeitung echter Alternativen jenseits der Logiken des Finanzkapitalismus kümmern — und das, während sie von ihm umgeben und bestimmt ist. Vielleicht mit der Schaffung von Inseln akapitalistischer Logiken beginnend: genossenschaftlich verwalteten Landwirtschaften, wieder in Gemeindebesitz überführte Wohnungen, sozialer Versorgung, die nicht dem „Markt“ überlassen, sondern selbst organisiert wird und Ähnlichem.
Denkbar wäre, in informeller Einigung fraktionsübergreifend oder vollkommen jenseits von Parteizugehörigkeit zu arbeiten, wenn der jetzige Parlamentarismus weiter betrieben werden soll. Was hat er den Deutschen in der Substanz gebracht, was bringt er jetzt?
Eine Regierung der nationalen Verantwortung muss einen eigenen Friedensplan vorlegen, der nachbarschaftliche Eintracht in Europa in gelebter Souveränität garantiert. Akte der Friedfertigkeit wären umgehend zu manifestieren, unter anderem durch den Abbau von Kapazitäten Dritter zur Kriegsführung und den Verzicht auf die weitere Stationierung von Atom-Waffen auf deutschem Territorium.
Die Deutschen brauchen eine wirklich Sachkompetenz-gestützte Regierung mit einer echten und lebendigen Vision. Menschen mit Geist und Herz. Ein Bundeskanzler, der Obdachlosigkeit, „Tafeln“, Existenzängste von Millionen Menschen und den Verfall von wirklich nützlicher Infrastruktur zulässt, muss Platz machen für Verantwortungsfähige.
Regierende wie Volk bedürfen einer zu kommunizierenden übergreifenden Idee vom tieferen Sinn des aktuellen Weltgeschehens und seiner Perspektive, von der eigenen Existenz und Aufgabe. Worum geht es, jetzt? Die wirkliche Situation im Land muss schonungslos im Blick sein. Gelebte, fühlbare Liebe zum Land und zu Deutschen und respektvolles Miteinander mit den Nicht-Deutschen im Land müssen selbstverständlich erlebbar sein.
Eine erhellende und befreiende Aufarbeitung und Durchdringung der eigenen ferneren und näheren Landesgeschichte (2) ist aus vielen Gründen nötig. Eine Wiederanknüpfung an gesunde Begeisterung für Land und Leute, eine Neubejahung von dem, was in diesem Magazin „die deutsche Religion“ (3) genannt wurde. Wir brauchen eine Wiederbelebung unserer natürlichen Verbundenheit mit der deutschen Kultur und deren Weitergestaltung. Da regt sich einiges, und keineswegs nur wie behauptet nationalistisch.
Natürlich muss am großen Wurf menschlicher Gesellschaft und ihrer Organisation jenseits der jetzigen Machtspiele und -„Logiken“ als Möglichkeit festgehalten werden. Doch das ist nicht ohne eine lebenskluge und konsequente Infragestellung des megatechnischen Wirtschaftssystems mitsamt der finanzkapitalistischen Grundausrichtung zu haben.
Die nun erzwungene Deindustrialisierung Deutschlands kann auch zum Standortvorteil gereichen. Eine Art industrieller Langzeitlast wird vom Land genommen. Bisher gebundene psychosoziale Energien werden, sicherlich auch schmerzhaft, frei und suchen nach neuen Betätigungsfeldern.
Man wird etwas anderes versuchen müssen — wenn man vor dem Scherbenhaufen des „Industriestandortes“ Deutschland steht. Leicht wird’s nicht. Das wissen wir. Aber wir wissen auch: Kräfte wachsen uns Menschen oft immer dann zu, „wenn es soweit ist“ und wir uns ihnen nicht verweigern. Könnte Deutschland nicht Vorreiter eines postmegaindustriellen Wirtschaftens werden, das „Small and Beautiful“ auf den Plan hebt? Unsere mittelstädtische Struktur ist wie geschaffen dafür.
Die Prämissen des modernen Daseins, Denkens und des Politischen stehen gänzlich zur Disposition. Wir brauchen eine ganzheitliche „politische“ Philosophie, die neue Zeichen setzt. Der „methodische Materialismus“ (4) im politischen Raum muss außer Kraft gesetzt werden. Das bedeutet, konsequent ein ganzheitliches Bild von Mensch und Leben zum Ausgangspunkt gesellschaftspolitischen Denkens und Handelns zu machen. Das ist meiner Meinung nach prinzipiell möglich und hängt naturgemäß von den Protagonisten ab: Was für Menschen sind das, die die Geschicke des Landes leiten? Nach welchem Weltbild leben sie? In welchem Geist handeln sie? (5)
Das Lebensrecht und seine permanente Bedrohung
Kehren wir zu einfacher fassbaren Dingen zurück, zum Beispiel zum Grundsatz gleichen Lebensrechtes. Schon die Teilung der Bevölkerungen in gut Versorgte, die ausgesorgt haben, und um ihre tagtägliche wirtschaftliche Existenz Ringende ist ein eklatanter Verstoß gegen dieses Recht.
Jeder Mensch hat das Recht auf eine materiell hinreichend sichere Existenz im Rahmen der Möglichkeiten des Gemeinwesens. Jeder. Das hat mit Sozialismus nichts zu tun. Stattdessen ist die permanente latente Bedrohung der Existenz, besonders durch die inhumane monetäre Logik, die Regel.
Völker, Bürger, Spezies haben gleiches Existenzrecht. Das ist vollkommen unstrittig. Jede Form gegenseitiger Bedrohung, sei es der von Staaten untereinander, auch „passiv“ durch stehende Heere und vorrätig gehaltene Raketen, Übergriffe jedweder Art, sei es auf die Bürger durch „ihre“ Regierungen und Staaten, als auch der Bürger untereinander, ist daher Verstoß gegen das Grundsätzliche. Ein solidarwirtschaftliches Welt-Grundverständnis, wahrscheinlich völlig jenseits monetären Denkens, bietet hier Auswege aus der permanent angewandten „wirtschaftlichen Gewalt“ gegen die Natur und gegen die „Mitbewerber“. Davon sind wir in Deutschland weit entfernt.
Die Sicherheit der Welt beruht auf einer metaphysischen Basis
Auf Ebene der staatsverwalteten Völker: Wenn wir die Logik „gemeinsamer Sicherheit“ im internationalen Raum zur Vermeidung von Konfrontation anwenden, bringt das keine wirkliche und dauerhafte Stabilität bei gleichzeitiger Beibehaltung von gegenseitigen Bedrohungspotentialen. Es gibt Sicherheit nur ohne Bedrohung und im hinreichenden Miteinander. Wenn Donald Trump es ernst meint mit dem Angebot an Russland und China, die Rüstungsausgaben zu halbieren, ist das ein erster Schritt in diese Richtung vonseiten der USA.
Das Beispiel der Ukraine führt uns die absurde Logik von „Pufferzonen“ vor Augen. Alles ist hier einer militärstrategischen Sichtweise unterworfen. Pufferzonen als bloßes Objekt von Interessenlagen Dritter, und seien es vergleichsweise wohlmeinende.
Die seit einiger Zeit diskutierte Multipolarität der internationalen Beziehungen und Machtorganisation als Alternative zur unipolaren „Weltordnung“ ist doch eine Illusion, wenn ihr nicht eine einende Ordnungskraft bei- und innewohnt. Das löst früher oder später neue Arten von Spannungen aus, dann eben multipolare. Eine „unipolar“ wirksame Mächtigkeit, die das „multipolare“ Ganze sinnvoll zusammenhält, müsste bewusst aufgebaut und zugelassen werden. Was sollte das sein? Ein globaler „Gottesstaat“? Wohl kaum. Was dann?
Wenn man mit dem Begriff der „deutschen Religion“ die substanzielle, ganz eigene deutsche Spiritualität kennzeichnet, kann man dann analog im globalen Maßstab eine „globale Religion“ erwarten beziehungsweise herausarbeiten? Die global anerkannte spirituelle Kraft großer Musik und unabweisbare Erkenntnisse über das wirkliche Wesen des menschlichen Daseins könnten hier hilfreich sein. Eine Art „kosmische Religion“ könnte sich herausbilden aus einer Tiefenerkenntnis der Welt jenseits von Naturwissenschaft und konventioneller Religion, die einer kopernikanischen Wende gleichkäme. Allgemein akzeptiert, könnte sie die geistige Basis für eine differenzierte, die Souveränität der Völker voraussetzende Weltkultur darstellen.
Und die Menscheit braucht im fortgeschrittenen Stadium global etablierter menschlicher Kultur eine von allen bejahte und alle bejahende geistige Klammer mit keinerlei repressiven, aber klar orientierenden Komponenten. Diese Klammer setzt einen hereinbrechenden Paradigmenwechsel voraus.
Vielleicht passiert das in einem schlagartigen Geschehen. Unerwartet und doch erhofft. Es gibt doch das universal Gültige in der Welt, oder? Kann es sich unverhüllt zeigen? In welchen Verkleidungen tritt es auf die Weltbühne?
Eine echte Alternative für das „Politik-Theater“ bedarf verbindlicher Klärungen der Sinn-Frage für den „Gesamtprozess Erde“. Folgende Fragen wären die eigentlichen Fundamente so einer Alternative: Was „will“ die Erde — und mit uns? Wer ist der Mensch? Wozu leben wir hier? Wie und in welcher Weise sind wir als Menschheit in der kosmischen Ordnung gefordert – im Kleinen, Alltäglichen wie im Großen? Das mag sich luftig anhören. Ich empfinde diese Klärungen als unabdingbar. Gedanken transformatorischer Kraft wie der Gedanke der All-Lebendigkeit des unendlichen Universums oder der der Bewusstseinsevolution des Menschen im Heraustreten aus den Naturreichen sollten die Chance bekommen, in ihrer lebensorganisierenden Potenz wahrgenommen und in Anspruch genommen zu werden. Wie weit sind wir davon entfernt? Derzeit fast eine rhetorische Frage.
Transparente Schöpfungsverwaltung statt „Politik“
Nicht nur in Deutschland, vielerorten ist das politische System im tiefsten Sinne „am Ende“ — und funktioniert bestens in seinem meist destruktiven Grundmodus. Politisches Gebaren in einer oft auch als endzeitlich empfundenen Weltkrise gebiert Tag für Tag kleine und große Konflikte und Ungeheuerliches. Das wird sich weiter steigern. Atempausen eingerechnet.
Mit „das politische System“ ist die Auffassung vom Politischen überhaupt gemeint. Sie treibt — geleitet vom allgemeinen Materialismus und von einer allgemein akzeptierten Machtvorstellung ohne lebendigen Spirit — allzu oft ihr Unwesen. Könnten wir diesen falschen Begriff aufgeben — um stattdessen eine sinn-orientierte und lebendige Schöpfungsverwaltung zur Entfaltung des Menschseins und zum würdigen Miteinander der Spezies hervorzubringen? Das ist wesentlich mehr als „interessengeleitete Politik“.
Dort, wo einst Politik war und noch ist, soll eine klare, nachvollziehbare, transparente und gerechte Organisation des Lebens wirken auf der Basis des Besten, was unsere Kulturen hervorgebracht haben beziehungsweise noch hervorbringen. Auf der Basis von Lebensverbundenheit und Realismus.
Viele Elemente gewachsener Traditionen bewahren den Bezug zum landschaftlich je verschiedenen Rhythmus des Lebens. Das sind Anknüpfungspunkte.
Weil wir die Menschen kollektiv nicht zur weisen geistig-seelischen Weltordnung gefunden haben, die alles ermöglicht und trägt und sie offenbar auch gar nicht für möglich halten, haben wir die derzeitige Politik. Sie ist in vieler Hinsicht „pervertierte Weltordnung“ par excellence.
Wir stehen immer vor der Wahl des ganz Anderen
Jede Bundestagswahl führt letztlich zu mehr Ernüchterung: Da kommt nichts wirklich Neues. Das, was jetzt kommt in Deutschland, wird alles Bisherige wohl erst einmal noch negativ toppen. Wir stehen vor und in einer ganz anderen Wahl. Die Zeiten sind eschatologisch aufgeladen. Die wirklichste Wahl ist unausweichlich, und sie findet jeden Tag in uns selbst statt, in unserem konkreten Tun für den Mitmenschen, die Mitwesen, für den Erhalt von Schönheit und Gesundheit der Schöpfung und in unserem Erkennen.
Wir tragen Verantwortung für uns selbst und Mitverantwortung für das Ganze, unabhängig davon, ob wir uns im aktuellen politischen System widergespiegelt fühlen oder nicht, ob wir uns beteiligen, soweit man uns scheinbar lässt, oder nicht. Wir sind immer unmittelbar „tätig“ durch Gedanken, Ausstrahlung, soziales und berufliches Handeln.
Eine Administration des Lebens für den Planeten, ich habe für den Moment keinen anderen akzeptablen Begriff dafür, interpretiert durch die nationalen Eigenheiten und mitgetragen, gelebt durch den Einzelnen, wird bewusster Ausdruck dieser Grundtatsache sein und könnte die klaffende Lücke zwischen „großer Politik“ und alltäglichster Lebensgestaltung des Einzelnen schließen. Das real erfahrbare Gefühl von unbestrittener Zugehörigkeit zu Land, Kultur, und umgebendem Kosmos, von echtem Geachtetsein, von wirklichem Gebrauchtwerden setzt Kräfte frei. Überall geschieht Bedeutsames, in der Familie und im Beruf wie im „großen Weltgeschehen“.
Menschsein und Menschwerden stehen im Mittelpunkt des Lebens
Wählen wir das Menschsein und die Mensch*werdung*, den Weg der Entfaltung unseres Wesens und der Ehrfurcht vor dem Leben. Aus dieser Wahl des Naheliegenden erwächst das Neue. Diese Wahl hat untergründig auch Auswirkungen auf das „politische Geschehen“. Die Lösung der Weltkrise wie der Krise Deutschlands kann nur durch kooperationsfähige, lebendige und kulturvolle Wesen gelingen.
Eine Verbindung folgender Ansätze ist meines Erachtens unabdingbar neben den vielen zu erarbeitenden Antworten auf ganz lebens- und wirtschaftspraktische Fragen:
Die transzendentale Naturphilosophie und die Kosmologie der All-Lebendigkeit, unter anderem in der Tradition von Giordano Bruno, Helmut Krause und Jochen Kirchhoff, gehen einher mit fundamentalen Neuordnungen unseres Weltbildes, einem Kopernikanismus 2.0. wenn man so will. Sind letztlich die philosophische Basis für eine „metaphysische Revolution“ und ermöglichen ein wirklichkeitsgemäßeres Selbstverständnis des Menschen in Bezug auf seine Stellung im Kosmos in gesellschaftlich wirksam werdendem Maßstab. Ohne diese Ebene, das lässt sich prognostizieren, wird keine dauerhafte Neugestaltung der Gesellschaft und ihrer Organisation im Sinne langfristig friedlicher Entwicklung ins Werk gesetzt werden können.
„Die deutsche Religion“, die natur- und kulturspirituelle Kraft des Landes der Dichter, Denker und Musiker. Die Bezugspunkte sind da für jedes Volk die eigenen, gewachsenen. Die Wahrung und Neubelebung dieses Themenfeldes kann nicht nur zur Heilung unserer so zerrissenen deutschen Identität führen, sondern sie ist auch ein möglicher Nukleus für das Inresonanzgehen anderer.
Roland Rottenfußer hat hier eine gute und produktive Themensetzung und Orientierung vorgenommen. (8)
Gehen wir wählen, oder auch nicht. Machen wir das Beste daraus, pragmatisch, vielleicht sogar fröhlich. Wahlen an sich sind nicht der Punkt, ohne dass sie völlig unwichtig wären. Vielleicht wird grober Unfug — etwa mögliche Taurus-Lieferungen — erschwert, vermieden. Neue und wirklichkeitsbezogene Perspektiven, wie sie bei Manova und anderswo vertreten, erprobt, erschlossen werden — damit müssen wir weitermachen.
Eine Einladung zu einer Gedanken-Meditation
Eine Zukunftsfantasie:
Der Saal ist stimmungsvoll beleuchtet. Die anwesenden Räte, Frauen und Männer ganz verschiedenen Alters wenden sich nach einer musikalischen Einstimmung, sie sind es gewohnt, Lieder zu singen, sich gesanglich aufeinander und das Kommende einzustimmen, dem ersten Vortragenden zu. Der trägt zum Eingang seiner kurzen Rede alte Verse vor, die sich ihm in Vorbereitung seines Beitrages einstellten. Dann erläutert er die Fragestellung. Es geht um Ereignisse bei der Besiedelung und Landschaftsheilung in einem entfernt liegenden Landesteil. Alle hören sehr aufmerksam zu und stellen klare Fragen. Jeder sich Äußernde nimmt sich Zeit, die ihm ohne Unterbrechungen gewährt wird. Alle sind in einen Vorgang regelrechter gedanklicher Alchemie eingebunden, den jeder mitbefördert, ob er nun mittels Sprachbeitrag oder schweigend beteiligt ist. Der Austausch endet mit zwei, drei Maximen für die Zukunft der Vorgänge und einer Danksagung an alle Beteiligten. Sinnvolle Hilfen werden angesprochen, ihre Organisation vereinbart.
Dann gibt es eine kurze Erfrischungspause vor der Tür. Der herrliche Park spendet Freude und Erholung. Die Springbrunnen sind eine Pracht, die Alleen in einiger Ferne voller fröhlicher Menschen. Manche fragen die Räte, ob man gut vorkommt. Man wünscht weiterhin gutes Gelingen.
Nach der Pause erklingt für 10 Minuten eine neue Komposition eines am nahegelegenen Musiceums Lernenden. Das Musiceum steht allen Menschen zu Ausbildung und Hör-, Seh- und Denkvergnügen offen. Die neue Komposition spiegelt interessanterweise den Austauschprozess im Rat recht genau wider, so als ob der Komponierende den Ratstag im Vorhinein in Musik übersetzt hätte.
Dann folgt ein Filmbeitrag über die Herstellung von Fahrrädern für Familien, über das sozial gesunde und wieder ganzheitliche Arbeiten ohne unnötigen Leistungsdruck und mit Freude am eigentlichen Sinne des Tuns. Im Anschluss tauschen sich die Räte über die filmisch erzählten Erfahrungen aus und durchdringen dieses Beispiel von gelungener Arbeit zum Gemeinwohl aus vielen Blickwinkeln, um möglichst viel daraus zu lernen und in anderen Situationen anwenden zu können. Es wird über die Weiterentwicklung der regional vielfältig angebotenen Ausbildungsmöglichkeiten gesprochen, die Praxis, Theorie und soziale Faktoren berücksichtigt. Empfehlungen werden festgehalten, die als bloße Anregung verstanden werden, nicht als „Gesetz“, das auszuführen ist.
Zu einigen Themen werden Beschlüsse gefasst. Sie betreffen zum Beispiel die Wiederaufnahme der alljährlichen Kultur- und Kunstkarawane, die mehrere Wochen im Frühsommer durch die Lande zieht unter Beteiligung tausender Künstler, Musiker und Literaturschaffender, nach mehreren Jahren Pause.
Am Ende der Tagung des Landesrates steht eine 10-minütige stille Meditation. Dann verlassen alle den großen Saal und mischen sich unter die Spaziergänger im Park …
Frieden liegt in diesen Jahren über den Landschaften, unaussprechlicher Frieden. Die Natur lebt auf, heilt die Wunden der Jahrhunderte. Bescheidene Lebensstile sind die Regel, Freundlichkeit der generelle Ton auf den Straßen und in den Häusern. Alle Menschen sind gut versorgt und niemand leidet ernsthaften Mangel.
Die Leichtigkeit des Seins setzt Tag für Tag die Segel und fährt auf den Meeren unermüdlicher Lebendigkeit und selbstverständlicher Daseinsfreude. Die Tode kommen allmählich und erreichen die Menschen bei guter Gesundheit und nach einem reichen und langen Leben. Man nimmt teil an jedem begegnenden Schicksal und ist mit dem All bewusst verbunden. Die Sterne in der Nacht leuchten groß und nah und sind jedem Kind schon gut bekannt. Das Leben auf der Erde ist jedem eine Freude und eine Ehre. Eine Station auf dem kosmischen Weg der Seele.