Die Kontinuität der Feindseligkeit

Ein zu Unrecht vergessenes Buch Erich Kubys zeigt: 1945 war für Deutschland keine „Stunde Null“. Russlandhass und Militarismus der Nazijahre setzten sich nahtlos fort.

Menschen, die angesichts der momentanen Kriegsbegeisterung aus allen Wolken fallen, staunen oft, dass die beklagte Barbarei, um mit Walter Benjamin zu sprechen, „heute noch möglich ist“. Hätten sie besser aufgepasst, wären uns Erich Kubys Reminiszenzen „Aus schöner Zeit. Vom Carepaket zur Nachrüstung: der kurze deutsche Urlaub“ erspart geblieben. Das Buch hatte 1984 nicht den Erfolg, den es verdient hätte. Es ist längst nur mehr antiquarisch zu erwerben. Kuby hatte zu viel Wasser in den Wein gegossen, mit dem sich die Deutschen ihre Nachkriegszeit schöngesoffen hatten.

Für Erich Kuby kam die Bezeichnung von 1945 als „Stunde Null“ einem Selbstbetrug gleich. Er diente der Suggestion, die Bedingungen, die zum Dritten Reich geführt hatten, seien unter den Bombenteppichen der Westalliierten begraben worden. Doch da lagen vornehmlich Frauen, Alte und Kinder. Nur scheintot hingegen waren die Machtstrukturen der Besitzenden, der Opportunismus der Politiker und die autoritären Einstellungen.

Erich Fromm und Hilde Weiß kamen in ihrer Ende der 1920er-Jahre begonnenen Studie über Arbeiter und Angestellte in der Weimarer Republik zu dem Schluss, dass selbst oppositionelle Kräfte schlecht gewappnet waren, Widerstand gegen die drohende Katastrophe zu leisten (1). Was konnten daran 12 Jahre Nazidiktatur, Terror und Krieg geändert haben? Sollen die Hirne der deutschen Bevölkerung leergefegt gewesen sein, auf dass sie nur darauf warteten, wie ein leeres Blatt vollgekritzelt zu werden? Mit Sonntagsreden, „Besinnungs- und Bekenntniselaboraten“ (2)? Ein von westlichen Geheimdiensten aufgebautes Presse- und Publikationswesen wusste es besser und knüpfte gezielt an tradierte Meinungen und Überzeugungen an (3).

Die stärksten Krücken einer in Nazizeiten nur besonders nachhaltig belebten Vorstellungswelt waren die Dominanz des Militärischen, eine Fetischisierung alles Nationalen, der Antikommunismus als ideologischer Rahmen staatlicher Repression sowie der Hass auf Sowjetrussland.

Marschall Georgi Schukow, der am 9. Mai 1945 für die sowjetische Seite die bedingungslose Kapitulation Deutschlands unterzeichnete, war sich der Nachhaltigkeit dieser Gehirnwäsche bewusst: „Wir haben sie befreit — das werden sie uns nie verzeihen“.

Natürlich nicht. Die höhnischen Kommentare zu den Siegesfeiern in der Sowjetunion und dann in Russland sprachen und sprechen Bände. Eine bessere Presse hatte die US-Strategie, ein Land von seinen Bewohnern zu befreien, aber nicht vom Faschismus. Ziel war die Zerschlagung des Antifaschismus, die drohende Keimzelle des Widerstands gegen die alte Hörigkeit in neuen Gewändern. Er wurde überall, wo die USA einmarschierten, sofort an die Wand gedrückt. Die erfolgte „Entnazifizierung“ war eine Verhöhnung von Moral und Anstand — und wurde eingestellt, als die Angstpropaganda des Kalten Krieges für Gehorsam und Disziplin sorgte.

Nach Carl Zuckmayer kursierte 1947 in Österreich der Witz, dass sich ein Mann „als Nazi“ registrieren lassen wollte. Dem Hinweis des Beamten, die Meldung käme eineinhalb Jahre zu spät, erwiderte der Mann: „Vor eineinhalb Jahren war ich noch kein Nazi“ (4). Den wirklichen Nazis jagte die „Entnazifizierung“ keinen Schrecken ein, denn die Westalliierten hatten die „bewährten“ Kräfte längst unter ihre Fittiche genommen. So sieht Befreiung aus, Herr Marschall, und dann gibt es nichts zu verzeihen, sondern jede Menge Ehrenkränze, die zum Geratter von Gebetsmühlen geflochten werden!

Im Nachkriegsdeutschland gehörte es zum guten „kritischen“ Ton, „restaurative Tendenzen “ zu beklagen. Das war Blödsinn. Es gab keine Restauration. Restauration ist die Wiederherstellung einer alten Ordnung, die beseitigt wurde. Es ist nichts beseitigt worden, das hätte wiederhergestellt werden müssen. Aufmerksame Beobachter wie Alfred Polgar befanden 1949, „die SS-Leute vertragen sich ausgezeichnet mit den $$-Leuten“ (5).

Die Symbiose entsprach den Vorstellungen einer Weltmacht, wie sie ihre Ordnung durchzusetzen gedachte, nämlich mithilfe jener Kräfte, mit denen sie schon vor dem Krieg kollaborierte. Ein Motiv war die seit der Wende zum 20. Jahrhundert angestrebte Eindämmung Russlands, die ab 1917 als Notwendigkeit eines Bollwerks gegen die Gefahr aus dem Osten auftrat.

Die Folgen für die geistige und politische Orientierung, die 1945 mit dem Abwurf zweier Atombomben auf japanische Städte untermauert wurde, waren für Deutschland desaströs.

Ein selbstbewusstes Auftreten, das aus der Verantwortung für die Vergangenheit ebenso wie für Gegenwart und Zukunft erwüchse, war unter diesen Umständen illusionär. Die Identität, die entstand, war nach Kuby ein Kunstprodukt aus zwei Teilen, von denen der eine mit dem anderen nichts zu tun hatte.

In halsbrecherischer Mechanik würden der Wehrmacht glänzende Siege dem Debakel in Dachau und Buchenwald gegenübergestellt. Diese Verbrechen seien unser Unglück gewesen, verschuldet durch die „Kräfte der Vergangenheit“, deren Gefahr gebannt sei durch die Macht, der die „Zukunft“ gehöre: den USA, „Amerika“. Diese Gedankenakrobatik hätte, so 1947 die Bedenken Kubys, eine Gesinnungshaltung gefördert, die „in verklausulierter Form zum Nationalisten stempelte, wer die Alliierten kritisierte“ (6). Eine denunziatorische Sprachkultur erblickte nicht das Licht der Welt. Es war schlimmer. Sie hatte sich den Umständen angepasst und wurde bis heute weiter perfektioniert.

Die politische Ökonomie des Hasses auf die Russen

Die „Zukunft“ gehörte 1945 jenen, die jeden Einspruch gegen die offiziellen Sprachregelungen dämonisierten. Aus Kritikern und Mahnern, einst rückwärtsgewandte Nationalisten genannt, sind heute „Nazis“ geworden, die das zivilisatorische Niveau des „guten Deutschen“ nicht anzuerkennen vermögen. Sie leugnen mit ihrer Kritik nicht nur die großartige Leistung der Distanzierung von der Judenverfolgung, sondern, holterdipolter, letztlich auch diese selber. Es sind folglich, wie sattsam bekannt, „Antisemiten“ oder, nach CIA-Lehrplan, „Verschwörungstheoretiker“.

Kuby stellte klar, dass diese Triumphe im Kampf um „Bekenntnisse“ tiefsitzende Strömungen im deutschen Gesellschaftscharakter verdecken. Als die damalige hessische SPD-Vorsitzende Andrea Ypsilanti nach der Wahl 2008 ihre anvisierte Regierung von der Partei DIE LINKE tolerieren lassen wollte, wurde sie zu einer „Kasatschok mit den Linken“ tanzenden Amokläuferin (7). Zusammen mit der Atomenergieindustrie waren die Medien entsetzt über das sehr pragmatische Ausstiegsmodell Hermann Scheers, der als Forschungsminister vorgesehen war. Seine Vorstellungen stellten einen Zentralangriff auf das gesamte Wirtschafts- und Gesellschaftssystem dar (8). Die Abwehr von Gefahren dieser Art baute auf die lange Tradition der Verbindung antisozialer Einstellungen mit antibolschewistischen, -kommunistischen oder -russischen Ressentiments bis hin zu blankem Hass.

Die Gesetze der alten Rassenlehre fanden 2022 offen Anwendung, als in fließender LTI (Lingua Tertii Imperii), der von Victor Klemperer so bezeichneten Sprache des Dritten Reiches, zur besten Sendezeit im öffentlich-rechtlichen Fernsehen eine Angestellte der NATO sowie der Universität Potsdam und Mitglied transatlantischer Organisationen über uns fremde Einstellungen „der Russen“ zu „Gewalt und Tod“ dozierte — sie sähen nur aus wie Europäer (9). Geballter noch trat die Hetze auf in einer von Tom Wellbrock zur Kenntnis gebrachten Gesprächsrunde mit Kriegsfanatikern, deren Vokabular auch der Moderator vorbildlich beherrschte (10).

Es wäre ein Irrtum, hier eine Enthemmung zu sehen. Die Gesinnung, die nach Hitler paralysiert war in einer Schrecksekunde der Machtlosigkeit, war immer dominant. Sie trat sofort unverblümt zu Tage, als die Rote Armee nicht mehr benötigt wurde, einen vom Westen nicht zu bezwingenden Gegner niederzuwerfen. Jetzt zeichneten ökonomische Interessen eine neue Konfrontation an den Horizont.

Die Forderung Sowjetrusslands nach Reparationen für die unvorstellbaren Zerstörungen durch den deutschen Vernichtungskrieg war mit den Wünschen der US-Industrie nach Anlagemöglichkeiten, Absatzchancen und Profiten unvereinbar.

Die UdSSR stellte nicht eine Gefahr dar, weil keine Möglichkeit einer Einigung mit ihr bestand, sondern gerade weil diese Möglichkeit bestand. Sie hätte alle Pläne für das Gedeihen des US-Wirtschaftssystems zunichte gemacht.

Das Problem war, dass die UdSSR zu schwach war, um eine Bedrohung darzustellen. Daraus folgte, die Sowjets so unter Druck zu halten, dass sie permanent in der Defensive waren. Zwei Monate nach Kriegsende in Europa klagte der bereits berühmte Regisseur Billy Wilder aus Bad Homburg über die „verdammten Leute in den Staaten“, die nicht aufhören könnten, „über den kommenden Krieg mit den Russen zu quatschen“ (11). 2023 ging eine an die Spitze des Außenministeriums katapultierte Trampolinspringerin noch weiter und erklärte Russland tatsächlich den Krieg — in tiefer Verbundenheit mit ihrem Opa, der 1945 an der Oder Europa verteidigt hätte.

Ihres Sportgerätes weiche Mitte hat sie womöglich zu oft verfehlt. Das wäre eine für sie vorteilhafte Erklärung auch für das Gehopse Februar 2023 über für Kinder mit Kreide auf den Boden gemalte Kästchen in einem finnischen Atomschutzbunker. Man war erinnert an das Tänzchen Adolf Hitlers im Salonwagen von Compiègne nach der französischen Kapitulation 1940. Wenn es für die Nachfolgerin von Joachim von Ribbentrop auch nur noch zu einer Farce reicht, sind Kontinuitäten bis in die sprachliche Verlotterung unübersehbar. Hierbei war das Dritte Reich nur eine Zwischenstation, wie Kuby anhand eines Artikels Kurt Tucholskys von 1926 deutlich machte (12).

Der lange Schatten von Alchimisten und Astrologen

Tucholsky verglich die Begründungen deutscher Sozialdemokraten für ihre Bewilligung der Kriegskredite mit den Aufsätzen, die Wladimir Iljitsch Lenin und Grigori Sinowjew in den Jahren 1914 bis 1916 verfassten:

„In solchem Wust von Charakterlosigkeit, Bequemlichkeit, Beharrungsvermögen und Blindheit vor den eignen Niederlagen wirken die Russen wie die ersten Chemiker im Zeitalter der Alchimie; wie die ersten Astronomen inmitten astrologischer Quacksalber.“

Die Sozialdemokraten, stets „kleine Weltverbesserer, die ‚Missstände abstellten’“, waren große Verbündete einer kriminellen Vereinigung. Beherzt hefteten sie sich den Blechorden an, dass sie „durch die Erfüllung vaterländischer Pflichten keinen besonderen Anspruch auf Entschädigung erworben“ hätten. Des Mitgefühls Tucholskys waren sie gewiss: „Judas, und nicht einmal dreißig Silberlinge“ (13). Zudem war allzu große Bescheidenheit nicht angebracht. Bis heute entlohnt der Staat Schoß- wie Kettenhunde fürstlich — als Parlamentarier, Angehörige der unzähligen Stiftungen gerade der etablierten Parteien, wieselflinke Wissenschaftler, „Journalisten“ im ÖRR, in den Zeitungen, Zeitschriften oder sonstwo als „Publizisten“.

Sprechblasen legen sich wie Mehltau über die öffentlichen „Diskussionen“ und ersticken das geistige Leben. Wir werden beleidigt mit einem „Wust von Charakterlosigkeit, Bequemlichkeit, Beharrungsvermögen und Blindheit vor den eignen Niederlagen“.

Die Geburtsstunde dieses Gebräus von „Alchimisten“ hat Kuby festgehalten. Am Ende hatten die „Quacksalber“ die arbeitenden Klassen nicht nur seit mindestens einem halben Jahrhundert vernachlässigt, ja verachtet, sondern seit Ende der 1990er mitgeholfen, sie offen zu schikanieren und zu drangsalieren.

Ein Ergebnis war nach der Beteiligung am neoliberalen Terror die Kollaboration in der Corona-Despotie, ein anderes die Begeisterung für den Krieg gegen Russland. Die Einordnung in bestehende Machtstrukturen ist die Basis der Unfähigkeit, in Russland das Opfer imperialistischer Aggression zu sehen. Wie im eigenen Land ist man in den internationalen Beziehungen schon charakterologisch nicht mehr in der Lage, die Wucht der Pressionen seitens des Stärkeren zu sehen und die Verzweiflung der Gegenwehr des Schwächeren, des zu Demütigenden. Diese Gegenwehr mag, um ein Bonmot zu paraphrasieren, nicht immer gerecht sein — aber wenn wir sie nicht anteilnehmend untersuchen, werden wir nie erfahren, was Gerechtigkeit ist.

Russland als Aggressor zu sehen zeugt von Verdrängungen der eigenen destruktiven, bösartigen Strebungen.

Der Weg zu einem erträglichen, kooperativen Zusammenleben in Europa, aber auch weltweit, führt nicht über rechtsoffene Positionen, die von Gestalten des Council on Foreign Relations (CFR) wie dem Kriegsverbrecher Henry Kissinger abgesteckt werden (14). Die herrschende Klasse ist in Panik, die Kosten könnten für sie unzumutbar und ihre „regelbasierte Ordnung“ unterminiert werden. Das sind Sorgen kolonialer oder neokolonialer Ausbeuter, blutrünstiger Strategen der Ressourcenaneignung durch transnationale Konzerne und Kriegstreiber, die man sich nicht zu eigen machen sollte.

Anerkennung als Anleitung zum Frieden

Es wird keinen Frieden geben mit einem Waffenstillstand, der den Keim für den nächsten Gewaltausbruch in sich trägt. Die Verlogenheit, die von der Seuche antirussischer, letztlich antislawischer Grundeinstellungen zersetzt ist, kann uns nur besudeln. Man vergleiche den Schwulst von Biden, Scholz oder von der Leyen, die auf einer Stufe steht mit Selenskyj, oder die Kinderreime einer Baerbock mit den klaren Strukturen in den Reden von Wladimir Putin, Xi Jinping oder gar ihrer Außenpolitiker Sergej Lawrow beziehungsweise Wang Yi. Der Weg in den rhetorischen Abgrund ist gepflastert mit Stolpersteinen einer Außenpolitik, die Talleyrand entsetzt hätte. Seine Maxime war: „Diplomaten ärgern sich nie. Sie machen sich Notizen.“

Das sei auch heute allen NATO-Trollen, Alt- und Neo-Nazis ans Herz gelegt: „Ärgert euch nicht!“, wenn’s nicht so läuft, wie geplant — „Macht euch Notizen!“. Auch über den neuesten Stand von Chemie und Astronomie. Als am 10. Mai 1933 die Bücher des Philosophen, Pädagogen und Pazifisten Friedrich Wilhelm Foerster verbrannt wurden, sollte „Gesinnungslumperei“ in Flammen aufgehen. Die heutigen Geiferer gegen „Lumpenpazifisten“ und „Unterwerfungspazifisten“, allesamt „gefallene Engel aus der Hölle“, erhitzen sich an einer Glut, die nie versiegte. Es ist der Schwelbrand der Russophobie, der Kuby beschäftigte — und auch mich, was mich für die Überlegungen seines lehrreichen Buches so empfänglich machte (15).

Kuby zeichnete eine Linie von einem autoritären Grundzug im deutschen Charakter über die sofort nach 1945 beginnende Fortsetzung einer antirussischen Frontstellung hin zu den 1980er-Jahren mit ihren aus den Fingern gesogenen Erfordernissen einer „Nachrüstung“. Anlass seien Planungen gewesen, nach denen ein Krieg gegen die Sowjetunion machbar sei. Jetzt leben wird in Zeiten, in denen es, so der US-Verteidigungsminister, darum geht, „Russland zu schwächen“ und, wenn es nach „Quacksalbern“ geht, wir „unsere Werte“ verteidigen — kurz vor Stalingrad.

Für das Platzen dieser Sprechblasen werden die mit der Ukrainepolitik verbundenen Rückschläge sorgen. Den Rest erledigen Russland, China, BRICS+ (Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika plus eventuell weitere Staaten), SOZ (Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit, englisch: Shanghai Cooperation Organisation, SCO), BRI (Belt and Road Initiative, in Deutschland als Neue Seidenstraßen-Initiative bekannt) sowie, nicht zu vergessen, die Entwicklung eines neuen Finanz- und Zahlungssystems. Ach ja, und natürlich der mit jeder „Bankenkrise“ näher rückende Zusammenbruch des alten Systems. Der wirtschaftliche Niedergang, beschleunigt durch abzusehende Ausfälle der Kredite an die Ukraine in Billionenhöhe, wird auch Alchimisten und Astrologen in Atemnot bringen.

Der toxische Dunst stieg auf, kaum dass Russen die Kapitale Nazideutschlands unter entsetzlichen Verlusten erobert hatten. Kuby zeigte vor gut vier Jahrzehnten, dass der Appell der Nazis an naturhaft vorgestellte Instinkte und Emotionen von erschütternder Nachhaltigkeit war. Der Wandel erschöpfte sich darin, dass nach 1945 der „Großraum“, den Carl Schmitt dem Deutschen Reich zusprach, ausgedient hatte. Auf dem Programm stand jetzt die „Grand Area“, die nach dem CFR ursprünglich Südostasien umfasste, nach der Panzerschlacht bei Kursk 1943 aber globalen Charakter annahm. Die vornehme Maske der Roosevelt’schen Atlantik-Charta ließ Harry Truman fallen mit seiner Drohung zu Beginn des Kalten Krieges: „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“, wörtlich 2001 von einem der größten Kriegsverbrecher aller Zeiten wiederholt.

In Fortschreibung des NS-„Heimtückegesetzes“ von 1934 erfolgt prophylaktisch die Warnung, den Anweisungen zur Theatralisierung der Ereignisse, zur Ablegung von Bekenntnissen und Ergebenheitsfloskeln Folge zu leisten. Schlagwörter schlagen die Wörter so lange, bis sie ihren Sinn verlieren: „regelbasierte Ordnung“ als Ordnung gewaltsam durchgesetzter Regeln; „Solidarität“ der „Ungeimpften“ mit den vergifteten „Geimpften“; „Verteidigung der Demokratie“, die bei uns durch die Corona-Despotie bis zur Unkenntlichkeit ausgehöhlt wurde und in der Ukraine längst einer faschistischen Verseuchung zum Opfer gefallen ist — die öffentliche Kommunikation verklumpt zu einem Knäuel aus dumpfen Gefühlen und hehren Empfindungen.

Für Kuby konnte die Verrottung der Sprache durch Haltungsvorgaben auf tiefe Wurzeln bauen. Mit dem Schwachsinn zum 11. September 2001, einem „Pandemie“-Zauber und dem NATO-Krieg um die Ukraine wurden weitere Nebelkerzen für eine Mobilisierung zur doktrinären Gleichschaltung abgebrannt. Ihre Grundlagen zumindest für Deutschland hat Kuby herausgestellt. Sie bildeten sich in der 1945 instinktsicher ausgeführten Anpassung an eine Macht, die jenseits einer seit 1776 gepflegten Folklore fantastischer Ideale ein beeindruckendes Repertoire an Handlungsmaximen aufwies.

Im Alltag des praktischen Umgangs mit ethnischen Minderheiten, linken Kräften oder psychischen „Anomalitäten“ deutete sich seit jeher eine starke Affinität zu der nazistischen Herrschaftsideologie an, deren Auffrischung nach 1945 nichts mehr entgegenstand. Dabei übernahm nunmehr der Geschlagene, unser Wärmepumpen-Promoter würde sagen, „gerne den dienenden Part“ und folgte dem vom Schläger mit Flächenbombardements vorgegebenen Takt.

Von dem Befreier, der bis 1945 den Großteil der Drecksarbeit in Form eines unerhörten Blutzolls geleistet hat, befreite man sich schnell. Der formale Schlussakkord wurde gesetzt, als 2022 und 2023 in Berlin bei den Feiern zum 8./9. Mai keine sowjetischen oder russischen Fahnen gezeigt werden durften. Dem Zustand unseres Rechtsstaatssystems entsprechend ließ sich das Oberverwaltungsgericht von der Polizei belehren: Die Symbole des Kriegsendes könnte eine Gewaltbereitschaft stimulieren, da sie als Sympathiebekundung für den jetzigen Krieg verstanden werden könnten. Der Kampf gegen Faschisten, wie von Schukow prophezeit, wird nicht verziehen.

Kein Wunder, dass die ukrainische Flagge, heraldisches Zeichen bekennender Nazi-Verehrer, wehen darf und zum Jahrestag der Befreiung letzter Überlebender durch die Rote Armee in Auschwitz russische Delegationen nicht mehr zugelassen sind. Sehen wir es mit der Klarheit von Chemie und Astronomie als Ausdruck autoritärer Herrschaft, vor deren Gegenwärtigkeit bereits George Orwell und Aldous Huxley warnten. Ihre Verinnerlichung setzte sich 1945 bruchlos fort.

Wer als „Rädelsführer“ eines am 5. Mai 1949 in Bonn gegründeten Friedenskomitees der BRD für einen Friedensvertrag sowie Verhandlungen mit der DDR und der Sowjetunion eintrat, verstieß gegen die verfassungsmäßige Grundordnung der BRD, hatte als eigentliches Ziel die „Errichtung eines kommunistischen Regimes in der Bundesrepublik“ und durfte sich glücklich schätzen, nur zu einer Bewährungsstrafe verurteilt sowie ermahnt zu werden, sich künftig ruhig zu verhalten (16).

Der CDU-Politiker Wilhelm Elfes, ein Mann des Widerstands, dessen einer Sohn hingerichtet wurde und der 1944/45 für Saul Padover einer der wenigen Lichtblicke in Deutschland war (17), durfte 1955 „nicht einmal zum Eucharistischen Weltkongress nach Rio de Janeiro fahren: Das Bundesverwaltungsgericht befürchtete, dass er dort ‚die Bundesrepublik verleumdet’“ (18). Elfes trat für eine Verständigung mit der Sowjetunion ein und sah nicht, dass Verhandlungsangebote reine Propagandatricks waren. Wer darauf reinfiel, hatte sich vor den Karren Moskaus spannen lassen und steuerte einen Kurs der Konfrontation, sollte er Vorschläge machen, sie abzubauen. Er war mit anderen Worten ein Vorläufer der „Putin-Versteher“.

Kuby starb 2005. Es hätte ihn nicht überrascht, dass 2023 das gegenwärtige Berliner Regime weitgehend unbeachtet einen Entschließungsantrag eingereicht hat mit dem Titel:

„Passversagung bei Teilnahme an ausländischen Veranstaltungen, deren Inhalte im Widerspruch zu den Grundsätzen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung des Grundgesetzes stehen“ (19).

Man sieht, dass Kubys roter Faden im Verlauf seines „kurzen Urlaubs“ — kleiner Wink an eventuelle Damen und Herren Verleger unter der Leserschaft — noch stringenter ist, als es in der allgemeinen Euphorie massenhafter Mobilisierung gegen die „Nachrüstung“ geschienen haben mochte. Damals war noch eine für Urlaubszeiten typische Unbekümmertheit vorhanden. Sie ist verschwunden, zumal mit der dramatischen Militarisierung und den damit verbundenen Einschnitten im Sozialbereich der „kurze Urlaub“, der den Menschen in Europa nicht zuletzt in Form eines Wohlfahrtsstaates vergönnt war, beendet ist. Der militärisch-industrielle Komplex, der schon anläßlich des 1. Golfkriegs die Vermeidung einer „Friedensdividende“ bejubelte (20), hat auch bei uns die Herrschaft übernommen (21).

Der Kreis, der mit der Bildung der bundesdeutschen Gesellschaft auf den Trümmern des Dritten Reiches begann, schließt sich auf eine Weise, die ihm angemessen ist. Das neue Gebäude war kontaminiert mit altem Bauschutt. Man hat es unterlassen, gründlich aufzuräumen. Soviel Bequemlichkeit erinnert an Rimbauds Verweis auf die Schwierigkeiten beim Dichten: Die erste Zeile schriebe der liebe Gott, der Rest sei Scheißarbeit. In Deutschland nannte sich die erste Zeile „Stunde Null“. Sie suggeriert einen Bruch, der nicht erfolgte. Darauf hat Kuby hingewiesen.

Nicht nur bei uns war dem US-Imperium der Boden bereitet, sofort das Ruder zu übernehmen. Nach jahrzehntelangem Säen politischer Hetze, Berieselung mit kultureller Einfalt und durch finanzkapitalistische Zwangsmaßnahmen sollte mit dem Krieg in der Ukraine global reiche Ernte eingefahren werden.

Dabei haben die europäischen „Intellektuellen“ den Erwartungen voll entsprochen und sich zum größten Teil als Manager der Meinungsfabrikation im Sinne der herrschenden Ordnung verdient gemacht. Auch die „linken“ Parteien haben die dominanten Machtzentren nicht enttäuscht.

Damit ist das Feld abgesteckt, das es zu bearbeiten gilt. Es muss komplett neu beackert und bestellt werden. Kuby war Zeit seines Lebens einer der wenigen, die darüber keine Illusionen hatten. Dieses Vermächtnis gilt es wachzuhalten. Sein Buch erinnert daran, dass man auch zurückschauen muss, will man vorwärts kommen im Kampf gegen die Wucht autoritärer Überzeugungen und Strukturen.


Quellen und Anmerkungen:

(1) Siehe Fromm, Arbeiter und Angestellte am Vorabend des Dritten Reiches. Eine sozialpsychologische Untersuchung, bearbeitet und herausgegeben von Wolfgang Bonß, München 1980
(2) Kuby, Aus schöner Zeit. Vom Carepaket zur Nachrüstung: der kurze deutsche Urlaub, Hamburg 1984, Seite 22
(3) Siehe nur Frances Stonor Saunders, Wer die Zeche zahlt ... Der CIA und die Kultur im Kalten Krieg, Berlin 2001
(4) Siehe Zuckmayer, Deutschlandbericht für das Kriegsministerium der Vereinigten Staaten von Amerika, herausgegeben von Gunther Nickel/Johanna Schrön/Hans Wagener, Frankfurt a. M. 2007, Seite 137
(5) Polgar, Brief vom 17. Dez. 1949 an Steffi und Willi Schlamm, in: ders., Lieber Freund! Lebenszeichen aus der Fremde, hrg. und eingeleitet von Erich Thanner, Wien / Hamburg 1981, Seite 62
(6) Kuby, Aus schöner Zeit, Seite 72
(7) Susanne Höll, Im Zeichen des Katers, SZ 11. März 2008
(8) Siehe hierzu Anja Baisch, Die Umdeutung der Energiewende, NachDenkSeiten 5. Juni 2023, https://www.nachdenkseiten.de/?p=98797#note_8
(9) Siehe zu dem von den Nazis exemplifizierten Ethno-Rassismus gegen Slawen und speziell alles Russische: Rupert Koppold, Auf geht’s! Tschaikowsky, Tolstoi und Co. ausmerzen! NachDenkSeiten 4. Juli 2023, https://www.nachdenkseiten.de/?p=100370#more-100370
(10) Tom Wellbrock, Mein letztes Mal: Propaganda, Hass und Hetze in Talkshows (über Markus Lanz und seine Gästeauswahl), https://www.youtube.com/watch?v=RG4BOBZA3cI
(11) Zitiert nach Helmuth Karasek, Billy Wilder. Eine Nahaufnahme, München 1994, Seite 303
(12) Siehe Kuby, Aus schöner Zeit, Seite 250
(13) Ignaz Wrobel (=Kurt Tucholsky), Gegen den Strom, Die Weltbühne 1926, Seite 569
(14) Siehe etwa Scott Ritter, Henry Kissinger’s Road Less Taken, Scott Ritter Extra 23. Dezember 2022, https://www.scottritterextra.com/p/henry-kissingers-road-less-taken
(15) Siehe die Ausführungen zur Russophobie, die sich die Militaristen des 1. Weltkriegs, die Nazis und nach 1945 sofort die Transatlantiker zunutze machten, am Schluss des Artikels: Ewert, Die Politik der Sackgasse, RUBIKON 6. Aug. 2022, rubikon.news/artikel/die-politik-der-sackgasse
(16) Siehe Friedrich-Martin Balzer (Herausgeber), Justizunrecht im Kalten Krieg. Die Kriminalisierung der westdeutschen Friedensbewegung im Düsseldorfer Prozess 1959/60. Mit einer Einleitung von Heinrich Hannover, Köln 2006
(17) Siehe Padover, Lügendetektor. Vernehmungen im besiegten Deutschland 1944/45, Frankfurt a. M. 1999, Seiten 256 folgende
(18) Heribert Prantl, Die Justiz in den Schützengräben des Kalten Krieges, SZ 17./ 18. August 1996
(19) Siehe Florian Warweg, Bundesregierung: Passentzug bei Teilnahme an „ausländischen Veranstaltungen“, die „im Widerspruch“ zur „freiheitlich-demokratischen Grundordnung“ stehen, NachDenkSeiten 21. Juli 2023, https://www.nachdenkseiten.de/?p=101392#more-101392
(20) Siehe New York Times, 2. März 1991, zitiert nach Howard Zinn, Die Geschichte des (US-)amerikanischen Volkes, Berlin 2007, Seite 613
(21) Siehe Patrick Lawrence, Rearmament & Europe’s Welfare, Consortium News 22. Mai. 2023, https://consortiumnews.com/2023/05/22/patrick-lawrence-rearmament-europes-welfare/